Es gibt angesichts mehrerer existenzbedrohender Krisen der Menschheit wahrlich dringendere soziale, finanztechnische und städtebauliche Aufgaben, als einen funktionierenden Bahnhof, ohne großen Nutzen unwiederbringlich und mit großen Kollateralschäden  für 5 Milliarden unter die Erde zu verlegen. Unnützer geht nicht!!
Keiner fragt mehr, warum 2 Jahre lang mehr als 60000 denkende Menschen auf die Straße gegangen sind. Denkende Menschen sind wie ehe und je nicht gefragt. Mit einer Volksabstimmung als Farce sollte der letzte denkende Mensch zum Schweigen gebracht werden. 
Es ist die Fortsetzung eines 'Kindergartendenkens' nach dem Motto: 'Ich will aber ein neues Spielzeug- Rennauto', auch wenn man nichts mehr zu beißen und zu heizen hat.
Von solchen  Kindsköpfen ist unsere Welt voll und werden wir 'regiert'.
Was wir brauchen, um länger als 50 Jahre noch auf dieser Erde zu überleben, sind auch völlig neue, fast autarke Städte mit Nullemissionen,  ohne nennenswerte Belastungen nach außen für die Umwelt und ohne nennenswerte Energieinvestitionen nach innen, so wie Norman Foster sie bei Abu Dhabi in der Wüste baut und testen will. Für solche Projekte bräuchte man auch hier bei uns dringend Geld und nicht für solchen Unsinn wie S 21 nach dem Kinder- Motto: 'Ich will aber'.


Texte und Aufsätze u.a. rund um S 21 

1.  Das Fit- Machen für den Kampf der Meinungen
2.  Konzerne und ihre lebensfeindlichen Strategien:Die DB bei S 21
3.  Die Chef-Verkäufer oder die Chancen der realitätsgebundenen 
     Wahrnehmung
4.  Einige Überlegungen zum Thema ‚Kampf der Meinungen'

5.  Gedanken zum Thema ‚Gewalt’ in der öffentlichen Diskussion 
6.  Was wäre eigentlich normal gewesen?  Das gefährliche Spiel mit
     der 'Wahrheit'
7.  Konzerne sollen offenbar alles machen dürfen, was sie wollen.
     Sind wir in einem globalen Kinderzimmer gelandet?


1. Das Fit- Machen für den 'Kampf der Meinungen' um S 21

Dr. Robert Schmittmann (Nov. 2010)

1. Zur Sozialdiagnose der Realitätswahrnehmung in Stuttgart
Man kann im Internet immer noch die Filme von der sogenannten 'Schlichtung' anschauen: Die zeigen so klar, wie schlagend die Argumente der Kritiker des Projektes S21 waren, wie stark die Bahn in Bedrängnis gekommen ist, wie peinlich berührt H.Geissler bestimmte gravierende Gegen- Argumente wegschieben und unkenntlich machen musste, weil so deutlich wurde, wie massiv die Bahn an dem angeblichen Nutzen, der Realitätsverzerrung der wirklichen Kostensteigerung, der ökologischen und sonstigen Schäden und an dem vorgetäuschten Nutzen drehte.
Wenn jemand nach der sogen. ‚Schlichtung’ immer noch für das ‚Jahrhundertprojekt’ S 21 ist, gibt es dafür eigentlich nur drei Erklärungen:
1. Derjenige hat sich selber immer noch nicht informiert und fällt auf die Propaganda mit den Glanzprospekten rein (nach dem Motto: Alles neue ist besser). Wenn so jemand aber trotzdem etwas zu dieser Sachlage sagt, kann er nur obrigkeitshörig sein, sonst hätte er keinen Grund, überhaupt dazu den Mund aufzumachen.
2. Oder er hat eingeschränkte geistige und mentale Fähigkeiten, komplexere Sachverhalte zu erfassen.
3. Oder er befindet sich in sozialen Kontexten oder Gruppierungen, in denen soviel offizielle Meinungsmache betrieben wird, dass es fast nicht möglich ist, ohne große berufliche und private Nachteile von dieser Linie abzuweichen.
Die Ausnahmen: Dass jemand, den man im Alltag trifft, aus eigenen direkten Profitinteressen dafür ist, scheidet eigentlich aus, weil diejenigen, die wirklich davon profitieren, zu wenige sind, als dass man sie - außer auf der politischen Bühne – real treffen würde, es sei denn, jemand sitzt der Illusion auf, er werde als klein- oder mittelgroßer Unternehmer oder Geschäftinhaber davon profitieren; er wird gerade wegen des Groß - Projektes eher insolvent gehen. In dem Fall hat man einen ‚Schein- Profiteur’ vor sich. (Hier kann man nur kurz warnen, ansonsten lässt man hier möglichst bald ab; denn der Markt muss sich ja auch irgendwie bereinigen.)

2. Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos
Wenn der dritte Punkt zutrifft, dann ist die Basis für die allgemeine Demokratiefähigkeit in unserem Lande alarmierend angeschlagen. Das heißt, hier sind starke Kräfte am Werk, die das Sichern ihrer Vorteile gegenüber benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft nur mit der bewährten Methode der rigorosen Abschottung und Ausgrenzung betreiben wollen. Es macht zur Zeit viele kluge, weitblickende und komplexdenkende Menschen nervös, wenn sie sehen, dass immer noch die wesentlichen Weichen wie eh und je von den eigentlich ‚dümmsten’ Exemplaren der Menschheit, d.h. von egozentrischen, cleveren, bauern-schlauen, eingeschränkten, emotional labilsten, abhängigsten Menschen gestellt werden.

3. Vielleicht kann wenigstens punktuell geholfen werden
Fangen wir mit dem letzten Punkt an:
Zu Punkt 3. : Nichtsdestotrotz biete ich hier in diesen Fällen auch immer wieder gerne meine Coaching- Dienste an, an den individuellen Grundlagen für mehr Zivilcourage in diesen brisanten Kontexten zu arbeiten. Hier geht es für gefährdete Andersdenkende um ein Training von mehr Selbstsicherheit und mehr Schutz gegen Einschüchterungsversuche. Ein Training in strategischem Denken und Handeln kann auch nicht schaden.
Zu Punkt 2. : Auch in diesen Fällen ist nicht alles verloren. Erfreulicherweise kann man immer wieder beim Coaching als einen begrüßenswerten Nebeneffekt einen erheblichen Anstieg der mentalen und geistigen Fähigkeiten beobachten, wenn jemand ein meditatives und kommunikatives Training in Richtung mehr Selbstloyalität absolviert.
Zu Punkt 1
. : Auch so jemand muss sich nicht grämen und verstecken: Es ist ein leichtes, sich die fehlenden Informationen noch nachträglich über den Fakten- Check der sogen. ‚Schlichtung’ aus dem Internet zu holen. Um sich überhaupt selber für das große Meer der politischen Kommunikation fitter zu machen, um sich sicherer und weniger verführbar im alltäglichen ‚Kampf der Meinungen’ zu machen, lohnt es sich, Bücher von intelligenten Wirtschaftstheoretikern zu lesen, die das Hinterfragen gängiger Meinungen trainieren: Z.B. ‚23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen’ von Ha-Joon Chang. Also Kopf hoch, nicht unterkriegen lassen. Ein Coaching zur Stärkung gegen unsere 'Wirtschafts- Märchenerzähler' lohnt sich in jedem Fall.

4. Ein besonders schlimmer Fall
P.S. :
19. Okt. 2011: Es ist erstaunlich, dass ein namhafter Redakteur der Süddeutschen Zeitung in einer Diskussion beim ZDFneo ziemlich überzeugt von sich gibt, dass man keinen Grund habe, gegen S 21 zu sein; die angeblichen Wutbürger in Stuttgart als fortschrittshemmende Demonstranten diffamiert, die nach der Schlichtung und nach der Stresstestpräsentation endlich Ruhe geben sollen. Es ist erschütterlich, wie so jemand öffentlich auftreten darf und als Repräsentant einer Zeitung sich völlig irreführend und inkompetent über Psyche und Soziales verbreiten darf. Wenn die Bahn weiter Propaganda für ihr noch so überflüssiges Projekt macht, ist das aus Marketing Gesichtspunkten noch verstehbar, obwohl es aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten unverantwortlich ist.
Für einen Redakteur einer Zeitung sollte es jedoch mehr als selbstverständlich sein, sich kundig zu machen und gründlich zu recherchieren, bevor man zu einer Sache etwas sagt. Es ist erschreckend, dass solche Leute wie er, die ohne Sachkenntnis nur auf der Meinungsebene agieren, heute in einer Zeitung arbeiten dürfen. So jemand hat nichts von dem, was in der Schlichtung vorgestellt wurde, mitbekommen und ist reines Propagandawerkzeug eines Konzern.


2. Konzerne und ihre lebensfeindlichen Strategien: Die DB bei S 21

Dr. Robert Schmittmann (Oktober 2011)

Wie bei jedem größeren Konzern, hat man es bei der Deutschen Bahn AG mit einer Organisation zu tun, der es irgendwann nicht mehr um das eigentlich zu verkaufende Produkt geht, sondern darum, wie man auf dem Markt dasteht, sein Image aufpoliert, seine Attraktivität erhöht, um möglichst viel Gewinn zu machen.
- Geldgewinn steht im Vordergrund. - Die Herstellung von nützlichen Sachgütern dient letztlich nur dem Geldgewinn. (Deswegen ist Lebensmittelkonzernen die Qualität von Lebensmittel völlig egal; sie müssen nur ab und zu proklamieren: ’Wir lieben Lebensmittel’; dem Konzern Bahn ist die Qualität von Bahnhöfen und Zügen völlig egal; sie muss nur deswegen ihre angebliche Kundenzugewandtheit immer wieder betonen, damit das keiner merkt).

1. Die Super- Reinwaschung ihres 'schmutzigen' Projekts
In dieser Hinsicht kommt das Projekt 21 für die Bahn wie gerufen:
· Mit S 21 konnte und kann die Bahn hauptsächlich finanzielle Gewinne machen und andere Verluste ausgleichen.
· Mit S 21 könnte die Bahn eine Imageaufpolierung vornehmen, wenn sie das Projekt nämlich gegen den Widerstand durchbringt. Dann wäre das ansonsten völlig überflüssige Projekt sozusagen reingewaschen durch einen kritischen, intellektuellen Widerstand und dadurch mit einem ganz besonderen Gütesiegel versehen, wenn man hier sogar als Sieger hervorgeht.
Für die Bahn geht es mit allen Mitteln, aber einzig nur darum, mit den verschiedensten Marketing- Strategien die Super- Reinwaschung ihres Projektes zu erreichen und dafür kamen die verschiedenen Veranstaltungen wie gerufen: die Schlichtung, die Präsentation des Stresstests und jetzt noch die sogenannte Volksabstimmung.
Für die Kritiker von S21 waren oder sind dagegen diese Veranstaltungen die einzigen Strohhalme gewesen (weil sie nicht nur ohne Medienunterstützung, sondern sogar die Medien als Gegner und selbstfinanziert agieren müssen): Man hoffte, dass die Öffentlichkeit endlich wahrheitsgemäß und realistischer informiert würde und größere Bevölkerungskreise endlich mitbekämen und verstehen würden, warum der Protest gegen ein solches Projekt so wichtig und begründet ist. Das konnte die Bahn locker und mit vollster Medienunterstützung erfolgreich verhindern. Mit Hilfe von Politikern konnte sie diese Veranstaltungen alle für sich ummünzen. - Die Botschaft: - Alles bestens.

2. Sogar der perfekte Ausverkauf der Glaubwürdigkeit spielt keine Rolle
Wer sich die Filme im Internet ansieht, kann den hohen Sachverstand der Kritiker bewundern, (der sogar von der Bahn anerkannt wurde). Der kann genau nach verfolgen, in welche Argumentationsnot die Bahn immer wieder geriet. Der kann aber auch leicht die eigentliche ‚Verarschungsstrategie’ bemerken, wie rücksichtslos und entgegen allen Sachverstands ein nach Marketinggesichtpunkten vorgehender Konzern eine ganze Medienlandschaft und eine große Öffentlichkeit total ‚hinters Licht’ führen und mit ihren ‚Glanzprospekt- Ansichten’ ungeniert und ungehindert überfahren kann.
- Anfangs war es ermutigend, dass es doch viele Bürger gab, die sich solchen Konzern- Machenschaften entgegenstellten, obwohl viele von ihnen letztlich nicht überblickten, welch machtvoller und rücksichtsloser Apparat hier eigentlich zugange war.
- Letztlich ist deprimierend mitzuerleben, wie es auch dieser Konzern (ähnlich wie die Pharmakonzerne, die Lebensmittelkonzerne, die Ölkonzerne, die Holzkonzerne, die Atom- und Stromkonzerne u.a. mit ihren riesigen juristischen und Marketing Abteilungen) schafft, die Mehrheit der Menschen mit ihrem vordergründigen wohltätigen Gehabe wenigstens kurzfristig immer wieder zu blenden und zu täuschen und von ihrem eigentlichen gemeinschaftsschädigenden Verhaltens abzulenken. Das ist kein Vorwurf an diese Konzerne, sondern es ist offenbar etwas Strukturimmanentes zu konstatieren: Es wird aus soziologischer Perspektive immer deutlicher, dass solch große Organisationen nach menschenverachtenden Gesetzmäßigkeiten im Inneren und nach außen funktionieren, mit unvermeidbaren Kollateralschäden weltweit agieren und das mit weitgehend fehlender demokratischer Kontrollmöglichkeit. Keiner kann offenbar diese Konzerne in die Schranken weisen oder auf sozial und ökologisch sinnvolle Maßstäbe festlegen: Der einzige Maßstab ist die Geldvermehrung.

3. Die ausgeklügelte Werbeveranstaltung geht weiter
Das was von Konzernen sichtbar wird, sind eigentlich nur immer riesige gut organisierte Werbeveranstaltungen: Man stellt sich als Konzern dar, um sich im Markt zu positionieren. - Alles was dabei passiert, wird werbemäßig verwendet, jeder der dort auftritt, hat sofort eine unterstützende Rolle für die eigentliche Werbebotschaft. Jeder der hier durchs Bild läuft, bekommt eine Werbefunktion. Er darf nichts sagen, außer die vorgefertigten Texte oder raffiniert eingefädelten Musterantworten.
- Die Werbebotschaft soll sein: Wir sind die besten Planer kompliziertester und komplexester Großprojekte. Wir sind weltoffen und lernfähig. Wir tun nur das allerbeste für unsere Kundschaft und haben das beste Produkt. Wir sind die besten Menschen. Wir sind die Guten.
- Das inszenierte Werbebild: Kompetenz und Zuversicht, ein lustiger Moderator, flankiert von gewichtig daherredenden Politikern, es geht ja ganz menschlich und korrekt zu, seriös gekleidete Herren und vielleicht noch ein paar leicht bekleidete Damen am Modell des neuen Bahnhofs und fertig ist das Foto, was die Medien ins Land schicken sollen, damit man sich noch die Kosten spart, die ansonsten noch zum Gewinnen des Volksentscheids nötig wären. – Und die Medien sind so blöd oder hörig und senden das. – Das ist das aller Schlimmste, weil sie nach den gleichen Regeln funktionieren.

4. Im Umgang mit Konzernen zählen keine ‚menschlichen’ Maßstäbe
Mit diesen großen Organisationen haben sich Gebilde entwickelt, von denen man sagen kann, dass sie wahrscheinlich noch nicht einmal durch Menschenhand gebildet wurden, obwohl hier Menschen arbeiten, sogar der soziologisch geschulte Mensch tut sich schwer damit, diese Gebilde zu verstehen. Wenn man sich das so vorstellt, dass sie hauptsächlich aus ‚Kommunikation’ bestehen und sich selber daraus erschaffen (Luhmann), dass die Unaufhaltsamkeit auf sehr effektiven Kommunikationscodes beruht, dann ist auch klar, dass es nicht um irgendetwas ‚Menschliches’ hier geht und deswegen auch von dieser Seite her nicht zu kontrollieren ist.

Für die sachinteressierten Kritiker, die bisher eine Unmenge an Arbeit und Sachverstand für die Wahrheitsfindung investiert haben, sei eine dringende Warnung ausgesprochen: Jeder der hier in die Nähe eines solchen Werbe- Sets kommt, wird vereinnahmt für die Werbebotschaften. Ein Konzern schluck alles, was in seine Nähe kommt. Was der Kritiker an mühsam erarbeiteten Sachargumentationen vorbringt, wird als nettes Beiwerk gern gesehen, um den Diskussionen ein qualitätsvolleres Image zu verleihen, ansonsten wird der kritische Inhalt diskret beiseite gelassen, weil es für die elegante Werbestrategie nur stört. Ist eine bestimmte Marschrichtung ausgegeben, kann ein Konzern nicht mehr stoppen, auch wenn einzelne Mitarbeiter das wollten.
- Was lernt man für die Demokratie daraus: Vorsicht und mehr Bewusstheit für alles, was da läuft!! - Kritisch fundierte Sachargumentationen waren zwar immer wieder überhaupt die einzige Chance für uns Kritiker, dieses Projekt in Frage zu stellen. Das fatale ist nur, dass diese einem Konzern egal sind. In ihm wird alles, was nicht zur großen Linie passt, eliminiert, ausgesondert, stillgelegt, entsorgt, vernichtet; Kritische Stimmen werden hier noch nicht einmal nur zum Schweigen gebracht, sondern man hört sie einfach nicht mehr. - War da was? Nur Katastrophen scheinen Konzerne ins Stolpern bringen zu können, aber nicht zum Stoppen.
Kurz: Sachdiskussionen kann man sich sparen. Man redet hier mit Werbestrategen, Juristen und nicht mit an der Sache interessierten Fachleuten. Große Vorsicht!! - Andere Strategien!!!



3. Die Chef-Verkäufer oder die Chancen der realitätsgebundenen Wahrnehmung

Dr. R. Schmittmann (März 2011)

1. Wir sind von Verkaufsstrategen und Etikettenschwindlern umzingelt

Zur Zeit fliegt zwar nicht alles, aber einiges auf und die Etikettenschwindler- Reparaturdienste kommen nicht zur Ruhe: - Der Atomkraft-Schwindel ist nicht mehr zu beherrschen, der personelle Störfall der ‚Guttenberg-Affäre’ hinterlässt seine Schleifspuren, der Brüderle-Eklat gibt den Blick in die Hinterzimmer frei, das bis zur Unkenntlichkeit zugekleisterte eigentlich vernichtende Schlichtungsergebnis für Stuttgart 21 quillt auf Grund des Wahl- Desasters der Etikettenschwindler (CDU und FDP) wieder hervor und noch schlimmer, das Wahlergebnis in BaWü zeigt, dass die Bürger zur Zeit gefährlich interessiert sind und genau hingucken. - Schlechter kann es für die Etikettenschwindler nicht laufen. - Wie konnte das nur passieren? Eine Erklärung ist, dass die Menschen, die in Stuttgart massenhaft ein Jahr lang fast jeden Montagabend und jeden zweiten Samstagnachmittag auf die Strasse gingen, sich kurzfristig aus dem ‚Würgegriff’ der Verkaufstrategen und Etikettenschwindler entwinden konnten. Die Bürger hatten sich vom Gängelband der Medien gelöst, Kommunikation konnte unvermittelt zwischen ihnen stattfinden, eigene Realitätsüberprüfung war möglich und der tägliche Schwindel der Politik im Medienverbund war deutlich zu erkennen (Die Zahlen der Demos wurden regelmäßig halbiert, später sogar gedrittelt: aus 60000 wurden im regionalen Rundfunk und Zeitungen 18000). Wie wir Menschen permanent dem täglichen Etikettenschwindel ausgesetzt sind, verdient hier mal mehr ins Bewusstsein gehoben zu werden:

2. Das schwierige Zusammenleben mit den Verkaufstrategen
Der normale erwachsene Mensch hat eigentlich von Hause aus ein starkes Bedürfnis, sich immer wieder in der Realitätswahrnehmung seiner Umgebung zu verankern und braucht dafür die Bestätigung seiner sozialen Umgebung, ob er richtig liegt mit seiner Wahrnehmung, ob er seinen Sinnesorganen trauen kann, er kann sonst verrückt werden.
1. Wir leben jedoch zunehmend in einer Welt der Täuschungen und des Vorgetäuschten. Das heißt, wir können immer weniger davon ausgehen, dass das, was wir sehen, auch so ist und dass das drin ist, was draufsteht. Das ist vielen schon vor allem im Konsumbereich (Lebensmitteln) und im politischen Bereich bewusst; im Medienbereich naturgemäß noch weit weniger: Denn die Medien verbindet man immer noch damit, dass sie eigentlich dem Auftrag der Realitätsüberprüfung nachzukommen hätten. In vielen Medienbereichen (allen voran die Bildzeitung) wird aber stattdessen - entgegen dieser eigentlichen Aufgabe - der Kampf der (nicht überprüfbaren) Meinungen geschürt.
2. Die Überprüfung der Realität wird für uns immer schwieriger. Wir haben die Mittel nicht dazu, deswegen sind wir immer mehr von den Beurteilungen wissenschaftlicher Experten abhängig; von denen wissen wir jedoch immer weniger, ob sie nicht auch schon von den Verkaufstrategen bezahlt werden. In den vielen Talkshows weiß man nie, ob man gerade bezahlte Verkaufstrategen vor sich hat, die verhindern sollen, dass man erkenntnismäßig weiter kommt. Sie sind nicht an der wahrheitsgemäßen Erfassung komplexer Realität interessiert, sondern nur an dem Gelingen ihrer Marketing- Strategien.
3. Die schönredenden Verkaufstrategen arbeiten mit Scheinloyalitäten, sie tun so, als wenn sie zur gleichen Gruppe gehörten. Will man mit so jemandem, der nur verkaufen will, eine sachbezogene konstruktive Diskussion führen, kann man nur verrückt werden. Warum? Wenn wir einen deutlich ausgemachten Feind vor uns haben, traut man ihm jedes Täuschungsmanöver zu und bereitet sich darauf vor; man weiß woran man ist und ist auf der Hut. Jedoch für täuschungsbereite Verkaufstrategen in der eigenen Gruppe, die einem ganz selbstsicher in gemütlichen Talk-Runden freundlich grinsend gegenübersitzen und vor aller Augen offensichtliche gemeinschaftsschädigende politische Entscheidungen in schönsten Verpackungen darbieten, für solche Begegnungen hat die Evolution den normalen Menschen nicht ausgestattet. Der normale gesunde Mensch kriegt das nicht auf die Reihe, dass er einen offensichtlich schadenbringenden und sich asozial verhaltenden Menschen in der eigenen sozialen Gruppe gewähren lassen muss; er darf sich nicht aufregen und er darf ihm nicht an den Kragen gehen, er muss sogar friedlich und freundlich zuschauen, wie der Verkaufstratege die Mehrheit mit seinen Überredungskünsten weiter blendet (das nennen manche Medien ausgewogene Berichterstattung).
4. Die Wirtschaft investiert Unsummen in dieses Marketing. Fast alles steht heute zum Verkauf an (auch Wasser, bald auch Luft) und deswegen hat man es bei jedem aufkommenden Thema mal direkt oder indirekt mit bezahlten Verkaufstrategen zu tun. Kaum jemand blickt noch durch: Wer verkauft hier wem was? Das Verkaufen findet auf verschiedenen Ebenen statt. Kaum ein Thema lässt sich noch kontrovers diskutieren, ohne dass es sofort in den Medien von Verkaufstrategen wimmelt, die für das Einstreuen wirtschaftsfreundlicher Argumente sorgen. Fast ungehindert, kaum erkannt und kontrolliert dürfen Verkaufsstrategen fast alles zu Gunsten ihrer einzelnen Profit-Interessen zu Lasten der Gemeinschaft und der Natur verkaufen. Das Ganze muss jetzt noch durch die Medien durch, was die Verwirrung enorm steigert. Die Medien gehören nämlich z.T. zu den Außenstellen der Verkaufstrategen und müssen ihrerseits nach Verkaufstrategien funktionieren: Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auch von wahrnehmbaren Realitäten dokumentarisch zu berichten, aber gleichzeitig auch in Talkshows wiederum zu diesen Realitäten die Verkaufstrategen zu Worte kommen lassen. Regisseure der Sender fabrizieren dann nach ihrer Dramaturgie aus dem verkaufsträchtigen Format: ‚Wettkampf der besten Verkaufstrategen (meist Parteien und Wirtschaftvertreter mit dem Thema ‚Glaubwürdigkeit’) möglichst eine spannende ‚zirkusähnliche Raubtierschau’, inklusive dem kostenlosen Resonanz-Test beim Volk.
5. All das sollen die Zuschauer natürlich nicht merken. Die Zuschauer sollen diese Leute für normal denkende, sachinteressierte Menschen halten. Aber diese Menschen ticken anders: Es wird viel dafür getan, dass man nicht erkennt, dass es hochgeschulte Leute sind, die gelernt haben, ihre Strategien für beliebige Produkte optimal einzusetzen. Sie wollen nur gute Verkaufstrategen sein, egal für was. Es kann sogar zu einer besonderen Herausforderung für sie werden, einem ganzen Volk teuerste ‚Künstlerscheiße’ zu verkaufen, also auch die stinkendste Chemie und die tödlichste Atomindustrie und den riskantesten, teuersten und nutzlosesten Tunnelbahnhof.

3. Der organisierte Etikettenschwindel: Wie der Etikettenschwindel noch verkauft wird

Ohne Verkäufer und Verkaufstrategien funktioniert bei uns in Bezug auf die Warenverteilung und Austauschprozesse nichts mehr. Wir könnten unser Leben nicht mehr bewältigen, wenn wir ihnen nicht im Prinzip erst einmal trauen würden. Weil wir viele Realitäten nicht direkt prüfen können, sind wir auf Informationslieferanten, die wir wiederum nicht überprüfen können, angewiesen. Werden zuviel Etikettenschwindel mal aufgedeckt, wähnen wir zu recht systematischere gemeinschaftsschädigende Profitmaximierung als oberste Handlungsmaxime hinter allem und es werden im Gegenzug die Etikettenschwindel- Reparaturdienste bestimmter Parteien besonders aktiv. Eine Partei, die sich letztlich den Wirtschaft- und Finanzinteressen verschrieben hat, kann konsequenterweise gar nicht anders, als eine Meisterin der Verkaufsstrategie, des Etikettenschwindels und des Reparaturdienstes sein. Sie hat nämlich permanent die Aufgabe, die gemeinschaftsschädigenden Interessen der wenigen Profiteure dem Volk als Wohltat zu verkaufen. Weil sie demokratisch, also von der Mehrheit gewählt werden will und muss, muss sie als ‚verdeckter Verkaufsstratege’ auftreten. Es geht eigentlich um die Frage: merkt das Volk etwas ? bzw. wie lässt es sich, wenn es etwas merkt, besänftigen, ablenken und einlullen, damit es aufs Neue die schädlichsten Sachen in tollster Verpackung schluckt. Vor Zuschauern wird dann mit anderen Parteien das Glaubwürdigkeits-Spiel veranstaltet: Bevor der bewusste Etikettenschwindel deutlich erkennbar wird, wird endlos darüber geredet, die Politik müsse dies oder jenes besser kommunizieren, man habe Fehler gemacht, man müsse in Zukunft dem Bürger besser seine Themen vermitteln, damit man glaubhaft rüber kommt. All das heißt aber an die eigenen Parteileute gerichtet nur: - Wir müssen unsere Verkaufstrategien mit den Vernebelungstaktiken verbessern.

4. Die Etikettenschwindler kommen zur Zeit sichtbarer in Nöte

Das Schöne ist im Moment eigentlich (obwohl schlimme Dinge passieren), dass wir in einer Zeit leben, in der gerade einige - ansonsten falsch etikettierte - Realitäten für jedermann sichtbar an die Oberfläche drängen. Eine gewisse Nervosität ist in dieser ‚Branche der Verkaufstrategen’ nicht zu übersehen und es sieht so aus, als wenn die Politik, die zur Außenstelle der Marketing-Strategen degeneriert ist, zum Teil in der Überforderung nicht mehr so fehlerfrei arbeitet wie sonst. Zur Zeit können zu viele Leute an zu vielen Stellen mit bekommen, dass mit den Produkten, die ihnen verkauft wurden, etwas nicht stimmt, und dass man sich die ‚gut gekleideten Verkäufer’ mal genauer ansehen sollte:
1. Mit der höchst peinlichen ‚Guttenberg-Affäre’ flog ein massiver Etikettenschwindel auf, die juristische Legitimierung klappte nicht, also versuchte man – schlau wie man ist – aus der Not noch eine Tugend zu machen und die Gelegenheit zu nutzen, um grundsätzlich das ‚Wissenschafts- System’ als letzte und elementarste ‚Hüterin der Wahrheit’, d.h. der Realitätswahrnehmung, auszuschalten, um damit die Vormachtstellung der ‚Macht’ zu dokumentieren. – Hat aber nicht ganz geklappt, obwohl der Etikettenschwindel variantenreich auf verschiedensten Ebenen weiter versucht wurde.
2. Wir nennen diesen Vorgang an erster Stelle, weil an diesem Betriebsunfall in Reinform zu Tage trat, um was es im wesentlichen immer geht: Um die Glaubhaftmachung und Legitimierung des Etikettenschwindels (nach dem Motto: Etikettenschwindel ist nicht schlimm, machen ja alle, ist gesellschaftsfähig). Stattdessen ist derjenige, der den Etikettenschwindel aufdeckt, verdammenswert (wird angegriffen oder entlassen), nicht derjenige, der ihn begeht. Diese bewährte Methode zeigt sich in der Guttenberg- Affäre, ebenso wie bei dem FDP-Brüderle-Eklat zum Wahlkampf sehr deutlich. Das ist nämlich die Spitze des Etikettenschwindels, so zu sagen, der ‚Etikettenschwindel des Etikettenschwindels’, der sich in der plakatierten Wahlkampfbehauptung der CDU zeigt, die behauptet, dass man es gerade bei dieser Partei mit den Tugenden von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit zu tun habe. Sie sei sogar die Hüterin dieser Tugenden.
3. Allein in ihrem Namen ‚CDU’ wäre eigentlich schon der Etikettenschwindel für jedermann deutlich sichtbar: Mit ‚christlich’ und ‚sozial’ hat die ganze Politik nichts zu tun, in Debatten werden diese Begriffe als Etiketten fleißig auf alle Taten draufgeklebt und finden sich auch im Programm (s. Artikel auf der Seite Christen sagen Nein zu S21 von M. Poguntke: http://s21-christen-sagen-nein.org/) Hinter den gut überlegten und wohlklingenden monströsen Wortgebilden soll vor allem die eigentlich politische Realität möglichst vertuscht werden. Die ist nämlich zutiefst unchristlich und unsozial: Das reale Handeln in dieser Partei ist bestimmt von der Ideologie des unbegrenzten Wachstums und des freien unregulierten Marktes mit der Fokussierung auf Geld und Profit auf Kosten der unteren Schichten und der Ärmsten. Sie scheut sich nicht, weiterhin Hartz IV als christlich soziale Errungenschaft zu verkaufen.
4. Die Frage der angeblichen ‚Sicherheit’ unserer Atomkraftwerke, die uns Jahre lang als etwas ganz Tolles verkauft wurde, lässt sich nach der Katastrophe in Japan nicht mehr unter dem Teppich halten. Jedermann kann nun mit eigenen Augen sehen, was für ein Etikettenschwindel mit dem Aufkleber ‚Sicher, umweltfreundlich und billig’ bisher betrieben wurde. Die Politik muss das Thema und sich selber jetzt kurzfristig wegen der Wahlen anders verkaufen, sich selber anders etikettieren. FDP und CDU überbieten sich dabei gegenseitig und sind jetzt grüner als die Grünen. Das Um-Etikettieren wird verschleiert und als solches wiederum als ein ‚wahres Umdenken in der Sache’ verkauft.
5. Hoffentlich wird möglichst vielen auch langsam klar, dass das Projekt Stuttgart 21 ein Prototyp im Etikettenschwindel auf verschiedenen Ebenen ist. Es ist nicht das, als was es verkauft wird und es ist in der Verpackung auch nicht das drin, was versprochen wird. Es wird versucht, einen neuen, schicken Bahnhof zu verkaufen, es geht aber um ein lukratives Immobilienprojekt. Drin ist ein unnötiger, noch nicht einmal funktionierender und viel zu treurer Bahnhof, der mit unkalkulierbaren Risiken für Geologie, Landschaft, Stadtqualität und Lebensqualität verbunden ist. - Mit der Verpackungsaufschrift ‚Schlichtung als neues demokratisches Modell’ machte man ungeniert mit dem Etikettenschwindel weiter. Die Verkaufstrategen der CDU hatten dann schon während der sogenannten ‚Schlichtung’ alle Hände voll zu tun, den durch den Fakten- Check offensichtlich aufgedeckten Etikettenschwindel wieder unkenntlich zu machen.
6. Die Partei der Meister- Etikettenschwindler hat auch vom Wirtschaftsmarketing gelernt, wie man auf Versuche reagieren muss, die ihren Schwindel aufdecken wollen: Man tut so, als wolle man nur das Beste für den Kunden, nimmt das Produkt sofort vom Markt und bringt es in der Sache unverändert unter anderem Namen und Aufschriften bald wieder heraus. Man ruft Veranstaltungen ins Leben, die mit pompösen Etiketten, z.B. Moratorium, Ethik- Kommission oder Schlichtung und Stress-Test ausgestattet werden. Die in Stuttgart durchgeführte Schlichtung war ein ‚Modellversuch’, wie man einen schiefgegangenen, also aufgeflogenen Etikettenschwindel unter den Augen der Öffentlichkeit und Medien wieder reparieren kann. - Das war eine Meisterleistung für CDU Wähler, jedoch sehr erhellend für die mittlerweile sachkundigen kritischen Bürger. Nicht zu Unrecht wird H. Geissler von Ersteren als Retter in der Not und als der Ober- Meister des Etikettenschwindels mit seinem Super Etikett ‚S21- Plus’ gefeiert. Bürger mit funktionierender Realitätswahrnehmung hätten hier bei einer solch krassen Realitätsverdrehung leicht verrückt werden können, wenn sie nicht den Halt in den weiter bestehenden Arbeitsgruppen gefunden und so den Winter überstanden hätten.
7. Verkaufstrategen wären keine guten Verkaufstrategen, wenn sie nicht mit denjenigen zurecht kämen, die sie aufdecken und entlarven könnten. Trainiert werden alle Verkäufer auch in der persönlichen Konfrontation, also das Ablenken von der Sachebene und das Abwerten von allem, was emotional dem Verkauf im Wege steht. Sie lernen, ihr Klientel in Bezug auf ihre Sorgen und Ängste auf der ganz persönlichen Ebene mit negativ Etiketten (‚Neinsager, Widerständler, Bedenken-Träger, Berufsdemonstranten’) zu attackieren. – Manchen kurzfristig denkenden und sehr engagierten Verkäufern ist egal, dass ein totes Klientel irgendwann kein zahlendes Klientel mehr ist.
8. Verkaufstrategen lernen auch – und das darf man nicht aus dem Auge verlieren –, jede kleinste erreichte Vorteilsposition sofort dafür zu nutzen, die Deutung- oder Bewertungshoheit über ihre ‚Welt der Waren und Sortimente’ zu erlangen und auszubauen. Das beinhaltet das Verteilen von abwertenden Etiketten auf ‚Waren’ der Konkurrenz. Will man also in der Partei der Meister- Etikettenschwindler etwas werden, muss man sich frühzeitig in Bezug auf seine Gegenspieler im Kleben abwertender Etiketten üben. Wir verwenden jetzt mal die gleiche Methode und kleben den Hauptparteien das Etikett der ‚Meister- Etikettenschwindler’ auf.

5. Bekommt man die Etikettenschwindler überhaupt noch in den Griff?

Bei dem Versuch der Aufdeckung stellt sich nicht selten heraus - in der Wirtschaft wie in der Politik -, wie gut der Etikettenschwindel schon bewusst geplant und durchdacht wurde: Für den Fall des Auffliegens des Schwindels wurden juristisch schon Vorkehrungen getroffen. Will man hier Aufdeckung erreichen, ist alles juristisch legitimiert, weil rechtssicher gemacht. Vorwürfe des Betrugs, der Lüge, des Schwindels und der Vorspiegelung falscher Tatsachen lassen sich spielend im Rahmen des Rechts abwickeln und sind schon eingeplant (der Ausstieg bei S 21; Schadensersatzklagen der Atomindustrie), um Diskussionen ins Leere laufen lassen und den Gegner als Rechtsbrecher diffamieren zu können; die wahrnehmbare Realität spielt hier keine Rolle mehr.
Psychologisch betrachtet wird diese Persönlichkeit, die besonders gut für diese Prozesse geeignet ist, zunehmend und flächendeckend in den letzten 30 Jahren systematisch in unserer Gesellschaft gezüchtet. Die Jugend lernt schon früh: Das wichtigste ist, sich selber gut verkaufen zu können, ein hohes Risiko einzugehen und die eigentlichen Gefahren runterzurechnen (im Kinderzimmer kann auch nicht viel passieren; die Eltern richten es wieder); gepaart mit einem extremen Vorteilsdenken und das alles auf Kosten der Realitätswahrnehmung. Diese Persönlichkeit glaubt gerne den eigenen kindlichen Allmachtsphantasien und ist blind für die realen Risiken. Wichtig ist, sich selber immer aufzuwerten und sich als besseren modernen Menschen darzustellen und die Realisten und ‚Warner’ als kleinmütig, altmodisch und Bremser für den ‚Fortschritt’ abzuwerten.
Diese für die Menschheit eigentlich immer hoch gefährliche ‚Risikopersönlichkeit’, ist sehr empfänglich für das Spiel mit dem Etikettenschwindel und hat meist Hochkonjunktur, wenn die letzte Katastrophe im näheren Umkreis schon etwas länger her ist. Der Mensch ist schon von Anfang an das Wesen, das sich dadurch auszeichnet, aus einem Etikettenschwindel Nutzen ziehen zu wollen. So sind wir Menschen. - Schon als der Urmensch sich Felle oder Kleider umgehängt hat und sich Pompöses auf den Kopf gesetzt hat (einen Tierkopf oder hochtürmende Helme), um Mammuts in die Flucht zu schlagen, blieb er darunter immer das kleine ‚Scheißerchen’, das die anderen groß beeindrucken wollte. Das trainiert er schon im Kinderzimmer. Die Hierarchie unserer Gesellschaft baut sich immer mehr auf Etikettenschwindel auf (wer hat den größten Hut) und unser Honorierungssystem entartet immer mehr, sodass die besten Verkaufstrategen und Etikettenschwindler die besten Vorteilspositionen kassieren und über alles andere dominieren.


4.  Einige Überlegungen zum Thema ‚Kampf der Meinungen'

Dr. Robert Schmittmann (Juni 2011)

1.  Informiert- Sein ist etwas anderes als eine Meinung- haben
Es wird viel über den dringend notwendigen ‚Meinungsaustausch’ gesprochen und häufig auf das Recht auf ‚Meinungsäußerung’ gepocht. Der Begriff ‚Meinung’ wird allgemein viel, fast inflationär und zudem wie eine Gebrauchsanweisung für das gerade Gesagte benutzt, manchmal auch wie eine selbst gegebene Erlaubnis, für jedes unüberlegtes aber dem Mainstream gezolltes Statement, mit der Ouvertüre: ‚Ich bin der Meinung, ....; meine Meinung ist aber, ....  Und dem Abgang: 'Man darf doch wohl noch seine Meinung sagen'.  Der eigentliche Stellenwert solcher Äußerungen in der Kommunikation ist eigentlich gar nicht so leicht zu verstehen; wir nehmen es jedoch so hin, wie es gesagt wird, weil wir zunächst keine Alternativen des Sprechens haben.
Manchmal fällt uns jedoch auf, dass da etwas nicht stimmt, aber können nicht sagen was. So ähnlich konnte es vielen in der Stuttgarter Bewegung gegen S21 nach dem Schlichterspruch gegangen sein: Es ging zunächst um die Erarbeitung einer für alle sichtbare Faktenlage; jedoch in den Medien wurde mit deprimierender Wirkung weiter von möglichen Meinungen ‚für oder gegen’ gesprochen. Was passiert an diesen Stellen? Wir wollen hier einige sortierende Gedanken dazu geben, die keine definitorische Klärung beabsichtigen, (was jetzt genau der Begriff ‚Meinung’ und andere Begriffe bedeuten und wie sie gegeneinander abzugrenzen sind), sondern allein als Gebrauchsanweisung dafür, wie man sich im Sprach- und Sprechgewirr des Alltags etwas besser zurecht finden könnte.

2. Um was geht es, wenn es nicht um das ‚Wahr –Unwahr’ geht?
Treffen ein Vertreter des ‚Informiert-Seins’ und ein Vertreter des ‚Meinung-haben-dürfens’ zusammen, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass derjenige mit der Meinung dem Informierten den Vortritt lässt und  ihm zuhört, weil der mehr zu sagen hat. So sollte es eigentlich sein. Normal sollte auch sein, dass man sich auf bestimmte Realitätswahrnehmungen von grundlegenden Sachverhalten einigen kann. Sich gemeinsam ein Bild von einer Sachlage zu machen – ich sehe das gleiche, was du siehst - , ist etwas sehr Wichtiges in sozialen Gefügen. Übrigens war das auch zunächst wesentlicher Bestandteil der Schlichtung bei Stuttgart 21: Eine gemeinsame übereinstimmende Sicht auf gravierende Mängel des Projekts führte zwischendurch sogar zu der Äußerung des Schlichters H. Geißler: „Wenn das so ist, dann darf man den Bahnhof nicht bauen“ und den Kritikern (Boris Palmer) wurde daraufhin sogar ein Job bei der Bahn angeboten. - Da war man auf dem Boden der gemeinsamen Realitätswahrnehmung, es konnte kurzfristig friedlich werden und es hätte konstruktiv weiter gehen können, wenn das mit der ‚Meinung’ nicht gewesen wäre. Bei dem Mühen und Ringen um eine möglichst unverfälschte Wahrnehmung der Realität befindet man sich seit 2500 Jahren im Bereich der Wissenschaft, die den Code ‚wahr - unwahr’ verwendet. Dieser Code ist seit einiger Zeit in großer Gefahr; Geld und Wirtschaftsinteressen versuchen ihn zu degradieren (z.B. Guttenberg- Affäre, Atom Disskussionen). Die Zeiten für eine Demontage scheinen gefährlich günstig: Je unübersichtlicher und undurchschaubarer eine Informationslage nämlich ist oder gestaltet wird, um so eher kann die Kommunikation vom überprüfbaren Code ‚wahr - unwahr’ weggeführt werden. Es geht dann eher in Gesprächen um den meinungsbildenden und gruppendynamisch wirksamen Code: ‚Ist man der einen oder anderen Meinung’ und wenige merken noch, dass es eigentlich darum gehen müsste, sich eine bessere Informationsbasis zu verschaffen.

3. Wenn das ‚Informiert-Sein’ , wenn Arbeit nichts mehr wert ist
Es gibt gravierende Auswirkungen, wenn die Zustimmung und Annahme einer Realitätswahrnehmung (Ich sehe, was du siehst) verweigert wird. Das passiert, wenn eine Seite darauf beharrt, weiterhin anderer Meinung zu sein, ohne auf die angebotene sachliche Informationsebene eingegangen zu sein. Sie riskiert den Abbruch der Kommunikation. Das kommt nämlich einem Abwerten gleich und lässt dem Gegenüber nur die Möglichkeit, vehement aus dem System auszusteigen oder depressiv zu werden oder auszuflippen. Diese Art Kommunikation des Ignorierens und Über-etwas-Hinweggehens wird nicht selten (in Firmen) bewusst praktiziert und hat zerstörerische Wirkungen auf Sozialsysteme. Eine loyale Kommunikationsgemeinschaft funktioniert nur, wenn das, was vom anderen als wichtig reingegeben wird, hier immer als ein vollgültiger Beitrag bestätigt und gewürdigt wird. (Die Entwertung der Arbeit anderer birgt immer sozialen Sprengstoff.

4. Das Spiel der Meinungen in großen organisatorischen Kontexten

Die zunehmende Undurchschaubarkeit und Unübersichtlichkeit der Welt, das unaufhaltsame Aufblähen großer Organisationen und Konzerne begünstigen solche Prozesse der Entwertung und der Demontage des Codes ‚Wahr – Unwahr’. Sie sind deshalb für den einzelnen Menschen und für unsere ganze Welt ein großes Problem: · Den meisten darin arbeitenden Menschen fehlt der Zugang zur jeweiligen Informationsbasis und der Überblick auf relevante Realitäten in vielerlei Hinsichten. · Und was noch gravierender ist, sie sind verführt dazu und sie gewöhnen sich daran, ihr Handeln mit großer Überzeugtheit auf eine ganz schwache Informationsbasis zu stellen. Dem größten Teil der in den oberen Rängen arbeitenden Angestellten in Konzernen bleibt nicht anderes übrig, als auf dieser sehr schmalen und wackeligen Ebene der Meinungen zu agieren. Diese Unsicherheit darf aber nicht auffallen und jeder dort Arbeitende weiß, dass er dies mit einer bewusst zur Schau gestellten Sicherheit kaschieren muss. Das ‚Spiel der Meinungen’ kann hier ohne jeden Bezug zu relevanten Realitäten für die Kämpfe um die besten Plätze in der Hierarchie der Konzerne benutzt werden. Es geht dann um heroische Entscheidungen, die nicht laufend neu reflektiert und korrigiert werden sollen, sonst kann man nicht gemeinsam ‚marschieren’. Darauf bauen Organisationen auf. Hierarchien bedingen dann zudem, dass nicht alle optimal über alles informiert sein können und auch nicht sollen. Je größer Organisationen sind, um so geringer ist die spezielle oder überblickshafte Kenntnis über Sachen und Personen. - Dennoch werden jedoch Äußerungen zu vielen Sachverhalten von den Beteiligten verlangt und das können nur passend gestaltete Meinungen sein.

5. Das Hauptthema: Wer liegt im Kampf der Meinungen vorne

Von Meinung reden wir also – und das besonders in organisationsbedingten Entscheidungskontexten - meist dann, wenn das bewertende Kommentieren auf einer schwachen Informationsbasis erforderlich ist und die Kommunikation mit einem speziellen Code ‚stimme zu - stimme nicht zu’ darauf aus ist, herauszufinden, wie viele sich dem einen oder anderen Statement anschließen. Damit es in großen Gruppen weitergehen kann, findet das explizit in der Meinungsforschung und bei Wahlen seinen Niederschlag, weil hier etwas abfragbar und statistisch erfassbar sein muss. An der gezielten Beeinflussung von Meinungen zu ihren Gunsten sind verschiedene Gruppierungen in unserer Gesellschaft interessiert, und gerade dann, wenn die sichtbare Faktenlage gegen etwas spricht. Der ‚Kampf der Meinungen’ in Talkshows bietet sich dann zur Verschleierung der Informationslage und Verwirrung der ‚Gegner’ an. Deswegen werden hier auch wenig Sachverständige eingeladen und gehört. Warum? – Weil man ansonsten in Talkshows nicht so lange reden könnte. ‚Meinungsmacher’ können über die Herstellung von sogenannten ‚Meinungsbildern’ in den Medien gruppendynamisch noch einen Mechanismus nutzen: Weil der normale Alltagsmensch mangels direktem Zugangs zu Informationen nur auf sehr vage Einschätzungen häufig angewiesen ist, neigt er dazu, seine Unsicherheit durch die Orientierung in seiner sozialen Umgebung wettzumachen. Er glaubt deshalb lieber einer Mehrheit und Glanzprospekten, die auf unkomplizierteren Meinungen basieren. - Das mediale Herbei-Reden von Trends hat hier bei anvisierten großflächigen ‚Meinungsverschiebungen’ einen hohen Stellenwert und funktioniert natürlich ohne fundierte Informationsbasis reibungsloser. Die Presseabteilung der Bahn leistet auf diese Weise in letzter Zeit beste Medienarbeit.

6. Auf die Abläufe um das Großprojekt S 21 bezogen

Von der Bewegung gegen S 21 wurde über Jahre hinweg mit viel Einsatz versucht, auf der Ebene der Realitätswahrnehmung möglichst viele Informationen zu gewinnen, um der Allgemeinheit und der Stadt letztlich viel Schaden zu ersparen. Das sollte immerhin ein wichtiger Beitrag für das Gemeinwohl sein. In der Schlichtung wurde von der Bewegung mit großem Aufwand eine möglichst große Informationsbasis geschaffen. Sie stellte damit eine von verschiedenen Fachleuten erarbeitete Faktenebene zur Verfügung, auf der eindeutig geurteilt werden konnte. Danach konnte man deutlich zu dem Schluss – nicht der Meinung - kommen, dass das Großprojekt viel zu viel Schaden und Risiken erzeugt. - Aber was passierte danach? -

7. Es kann und darf nicht auf der Meinungsebene lapidar weitergehen

Die durch den Fakten-Check mühsam erarbeitete Informationsbasis wurde schlichtweg ignoriert und man kommunizierte weiter auf der Meinungsebene, nach dem Motto: Jeder kann sich ja seine Meinung bilden. - Hier eben nicht !! - · Das Schlimme an dem Schlichterspruch war, dass er an der für jedermann offensichtlichen Faktenlage vorbei die Kommunikation über Meinungen wieder einläutete und den Medien das Beackern des weiten lukrativen Feldes des ‚Meinungsaustausches’ für ihre Talkshows ermöglichte. Den Klagen der Befürworter, man dürfe zu Stuttgart 21 seine Meinung nicht mehr sagen, kann man nur beipflichten. - Die Situation ist nämlich in einem Sinne schon sehr außergewöhnlich: Jeder konnte sich bei dem öffentlich gesendeten Fakten-Check sachkundig machen. Jede Begegnung zwischen einem meinungsbeharrenden Befürworter und einem gut informierten Projektgegner muss deshalb zur Farce werden, weil die Kommunikation mit einer solch grundlegenden Ignoranz der Informationslage nicht weiter gehen kann. · Der ansonsten lapidare ‚Kampf der Meinungen’ funktioniert hier wegen der Informiertheit der Bürger nicht mehr. Die Presseabteilungen der Konzerne haben erst nach und nach kapiert, dass sie hier enorm aufrüsten müssen, weil sie nicht so ein leichtes Spiel haben wie bei Projekten draußen vor der Stadt.

8. Organisationsmensch trifft auf Normal-Mensch

In Stuttgart ist über die lange Zeit der Bewegung eine außergewöhnliche Situation entstanden: Hier prallt die Mentalität der Konzern-Menschen mit völligem Unverständnis auf die Mentalität der noch selbständig denkenden und rundum informierten normalen Menschen, der auch Zweifel zulassen kann. Gut funktionierende Organisations-(Konzern)-Menschen können keine Bedenken und Zweifel zulassen, weil man dann nicht mehr in einem Konzern zielgerichtet und karriereorientiert arbeiten kann. Man zieht hier etwas informationsgereinigt mit Scheuklappen bis zum bitteren Ende durch; die jeweiligen Schäden tragen andere, meist die Allgemeinheit, während man selber schon wieder weiter gezogen ist. Mit dieser darin erzeugten Rücksichtlosigkeit stellen nicht nur Konzerne an sich, sondern auch Züchtungen von Konzern-Menschen eine Gefahr für die Menschheit dar (erhellende Beispiele gibt es zur Zeit genug). Wichtig zu erkennen ist jetzt, dass die Projektleitung von S 21 nicht nur einfach die verunsichernde und unangenehme Informationsbasis ignoriert, sondern gezielt versucht, alle Diskussionen weiter auf der Ebene der Meinung zu halten und die Kommunikationskanäle für notwendige Informationen zu verstopfen. Das ist auch das Terrain der Etikettenschwindler und Verkaufstrategen. Das ist aber eine andere Geschichte (s. gleichnamigen Aufsatz).




5.  Gedanken zum Thema ‚Gewalt’ in der öffentlichen Diskussion

Dr. R. Schmittmann (Juni 2011)

 Es bräuchte eigentlich klärende Strukturierungen, wenn in einer demokratischen Gesellschaft über Gewalt geredet wird, weil die Kommunikation mit diesem Begriff sehr schwierig und manchmal undurchsichtig ist und so zu Machtzwecken von den sowieso schon Stärkeren gegen Schwächere der Gesellschaft verwendet werden kann. Dafür muss die Diskussion aus dem Bereich der kommunikativen Suggestionen heraus. Es geht also hier auch wieder nicht um Definitionen von Begrifflichkeiten, sondern um Orientierungshilfen, um in den alltäglichen kommunikativen Sromschnellen den Kopf immer wieder besser oben zu behalten.

1. Das sichtbare drängt in den Vordergrund
Sprechen wir psychologisch betrachtet über so etwas wie Gewalt, befinden wir uns im Bereich der Methoden zur Durchsetzung von Interessen, und sprechen also über mehr oder weniger sichtbare Verhaltensweisen, die für etwas eingesetzt werden.
Viele Spielarten von Gewalt, also Methoden zur Verfolgung der eigenen Interessen, wie Herrschaft, Macht, Beherrschung oder Manipulation, liegen z.T. im unsichtbaren und kommunikativen Bereich. Sie bedürften immer wieder der dringenden Beleuchtung und Überprüfung; in den Fokus der öffentlichen Diskussion und juristischer Nachforschungen geraten jedoch ganz von alleine eher die auffällig sichtbaren Verhaltensweisen, die als ‚materielle’ Gewalt bezeichnet werden. Damit meint man die zielgerichtete offensichtliche physische Schädigung einer Person. Auffällige Verhaltensweisen der ‚materiellen’ Gewalt bieten sich für eine bewertende und sich verselbständigende Alltagskommunikation (mit den bewertenden Codes ‚gut- schlecht, oder böse’) leichter an, als die eher undurchsichtigen und unüberschaubaren.

2. Die Unsichtbare Gewalt kann leicht im Hintergrund bleiben, wenn Diskussionen über sichtbare Gewalt laufen
Der Punkt, an dem wir ansetzen, ist der, dass öffentlich Diskussionen über sichtbare ‚gewalttätige Aktionen’ viel zu leicht zur Verschleierung verdeckter unsichbarer Gewalt eingesetzt werden kann:
· Kurz gesagt, jemand will über seine eigene unschöne - weil ‚asoziale’- Interessensdominanz (als König, Konzern, Bahn, Polizei) nicht reden, stattdessen soll aber ausführlich über die ‚Untaten’ der anderen (der Protestierenden) abendfüllend geredet werden.
Diese altbekannte Praktik herrschender Gruppen funktioniert deswegen immer so leicht, weil sie einen ganz normalen Mechanismus in der sozialen Kommunikation ausnutzen kann: Wenn in einem System eine (entgleiste schädigende) Verhaltensweise von der Kategorie ‚materielle’ Gewalt passiert ist, gibt es offensichtlich eine unausweichliche Erwartung, dass alle jetzt darüber Redenden, alle Bürger einer Stadt, jedes Gespräch erst einmal damit eröffnen müssen, dass sie grundsätzlich gegen Gewalt sind: Denn als ‚guter’ Bürger muss man sich (der Selbstreinigung des Systems folgend: „Wir tun uns alle nichts“) von jedweder Art aggressiven Verhaltens öffentlich distanzieren und davon abschwören, obwohl man vielleicht (menschlich wie man ist) noch vor ein paar Minuten im vertrauten Kreis gesagt hat, man hätte seinen Nachbarn umbringen können.
In diesen Situationen weiß man nur zu gut, reagiert man bei solchen Gesprächen zögerlich und will zu differenzierteren Betrachtungen ausholen, gerät man sofort in den massiven Verdacht, für Gewalt zu sein. Man gerät unversehens in das ‚Getriebe’ eines Kommunikationscodes ‚Für oder Gegen’, in dem es nur friedlich weitergehen kann, wenn die Sprech-Automatik über Gewalt bedient wurde, nämlich ‚Enthaltsamkeit gegen offene Gewalt gelobend’. Differenziertere und hintergründigere Gespräche kann man kaum riskieren.


3. Das eigentliche ‚Füreinander’ sollte nicht über Meinungsabgleich stattfinden
Das Ganze hat damit zu tun, dass wir grundsätzlich in jedem Gespräch, in jeder Begegnung das ‚Füreinander’ klären und ein mögliches ‚Gegen’ ausschließen müssen; dafür müssen wir uns permanent Bestätigungen geben und Ablehnungen vermeiden. Der springende Punkt ist jetzt, dass wir dafür aber tunlichst keine oder weniger Themen nutzen sollten, die mit ‚Meinungen’ zu tun haben. Warum?
Benutzt man nämlich hierfür ‚Meinungsthemen’, reduziert sich der Fortgang eines Gesprächs auf nur eine simple Möglichkeit, damit es friedlich bleiben kann und nicht zum sich gegenseitig auszuschließenden Gegner wird:
- Man kann nur zustimmen, also dergleichen Meinung sein wie der andere, aber nur auf der gefährlichen Ebene einer Anhängerschaft, einer Gefolgschaft.
Damit erzeugt man eine hochemotionalisierte Gesellschaft (wie bei Fußballspielen), aber keine miteinander differenziert diskutierenden Bürger. Es geht dann nicht mehr um die Sache, sondern darum, wer ist der Sieger, wer hat die größte Anhängerschaft.
Die viel beklagte Polarisierung in der Stadt Stuttgart geht deswegen vor allem auf das Konto einer Gesprächsführung, bei der die Kommunikation auf der Meinungsebene gehalten wird.
Nutznießer sind natürlich diejenigen, die die ungleichen Interessensdominanzen in der Gesellschaft und den eigentlichen rücksichtslosen Gebrauch ‚unsichtbarer’ Durchsetzungsmethoden verschleiert wollen. Rechts- Positionen können dann als ‚gut’ und legitim - also keine Gewalt - deklariert werden, jedoch das Sich-direkt-dagegen-Wehren mit sichtbarem körperlichem Einsatz als ‚böse’ und abzulehnende ‚Gewalt’, die bestraft werden muss. (So ähnlich läuft das zwischen Israelis und Palästinensern und bei allen Großgrundbesitzer- Gesellschaften). Die polarisierende Situation spitzt sich meist zu. Endlose Diskussionen lassen sich über körperliche Gewalt derjenigen führen, die sich gegen den zuvor erzeugten Schaden nicht mehr anders zu wehren wussten: Das eigene zuvor asoziale Verhalten kann verschleiert werden, dadurch dass man mit dem Finger auf andere zeigt.

4. Wie weit reicht das gruppenübergreifende ‚Füreinander’ ?
Im Zusammenhang von Interessensdominanzen und Loyalitäten in einer Gesellschaften, ist das Thema angeschnitten, wen wir zu unserem sozialen System dazu zählen und wen nicht: Gehört dazu nur die eigene Partnerschaft, die Familie, die gleiche Partei oder Gesellschaftsschicht und der Rest ist mir egal, oder gehören da auch noch andere Bevölkerungsschichten der gleichen Stadt, des gleichen Staates oder sogar die Weltbevölkerung dazu? - Das beschränkte Denken in Familien, Sippen, Clans und Schichten macht ein gleichberechtigtes Leben innerhalb einer Demokratie fast unmöglich (s. die familien- und sippenstrukturierten Diktaturen im arabischen und afrikanischen Raum, aber auch bei uns). Man gönnt letztlich immer nur der eigenen Gruppe etwas und der Rest ist einem egal. Wen rechnet man dazu?
Arabische Staaten zahlen zur Befriedung große Geldsummen an ihre eigene Urbevölkerung. Das bedingungslose Grundeinkommen kann man als eine wichtige Basis für eine soziale loyale Gemeinschaft innerhalb einer Demokratie sehen, wenn man der ganzen Bevölkerung eines Staates wieder etwas gönnt.
Dafür müsste aber das Muster ‚übermäßiger Gewinne auf Kosten zum Schaden anderer’ stärker negativ sanktioniert werden und nicht umgekehrt, sogar noch gefeiert werden dürfen. Ungebremster Reichtum muss geächtet werden, Großzügigkeit sollte Standart werden im unteren Gehaltssektor und bei den Hartz IV Empfängern.
Um demokratische Verhältnisse vor begrenzten singulären, ausbeuterischen ‚Familien-Interessen’ (eingeschlossen das Konzern-Denken) zu schützen, sind rotierend wechselnde Machtverteilungen, sichere Grundversorgungen der ganzen Bevölkerung und die Auflösung enger familienbezogener Strukturen denkbare Wege.

5. Wie man das gruppeninterne ‚Füreinander’ aufrechterhält?
Unvorhergesehenes, schadenerzeugendes Verhalten passiert immer und überall, und der Umgang damit ist der Testfall dafür, was als relevantes soziale System definiert ist und ob dieses weiter Bestand haben kann.
In jedem sozialen System (ob Familie, Stadt oder Staat) hängt die friedliche Loyalität davon ab, ob bei der Kommunikation über bestimmte schwierige Verhaltensweisen (auch ‚gewalttätiges Verhalten’’) das ‚Füreinander’ erhalten werden kann. Wenn ein grundlegendes ‚Füreinander’ vorhanden ist, dann kann z.B. auch eine Rangelei zwischen zwei Jungens mit Verletzungen letztlich friedlich ausgehen (Das war nicht böse gemeint). Auch bei so gefährlichen Sportarten wie Boxsport, muss die wichtigste Gebrauchsanweisung funktionieren: Nachträglich muss der wohlwollende kommunikative Umgang mit einem ungewollt schadenserzeugenden Verhalten gesichert sein, in dem Sinne: ‚Kann passieren; ist nicht schlimm und wie regeln wir das jetzt’. Das läuft auf der positiven Unterstellung, dass wir uns grundsätzlich als Sozialwesen in der gleichen Gruppe nicht schädigend verhalten wollen.

6. Beispiel Stuttgart 21: Unter vielen wachen Augen
Wir wollen jetzt die bisherigen Überlegungen auf die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 anwenden: Unsere Ausgangsthese lautet, bestimmte Wirtschaftsinteressen (Bahn) und politische Interessen haben sich von einem gemeinsamen sozialen Staat und einem Gemeinwohl verabschiedet.
- Das erkennt man daran, dass die Bahn (und die vorherige Regierung in Stuttgart) nur auf Durchsetzungsmethoden setzt; das macht man nur mit Gegnern, mit Feinden, also Menschen, die man nicht zum gleichen Loyalitätssystem dazu rechnet und letztlich ausschließt.
- Das erkennt man daran, dass diese sowieso schon dominierenden Interessensgruppen jetzt noch vehement die ‚Gewaltdiskussion’ aufmachen und anderen Sozialmitgliedern zum ersten Schaden noch einen weiteren hinzufügt, nämlich die Diffamierung und Ausschließung als angeblich gewaltbereite Gruppierung.
Bei der vorliegenden Situation in Stuttgart hat man es mit einem Paradebeispiel zu tun, wie ein Konzern (Bahn) nur mit Durchsetzungsmethoden seine enorm einseitigen Interessen mit einer hohen Ignoranz gegenüber anderen betreibt.
Warum sprechen wir nicht von Gewalt, wenn Konzerne so Menschen auf der ganzen Welt schlimmsten Schaden zufügen.
· Über diese Art der Gewalt soll - wie und je - nicht gesprochen werden; aber ausführlich über die Verzweiflungstaten der in die Enge-Getriebenen, die ab und zu mal durchdrehen, weil sie es nicht mehr aushalten.

8.  Die Realitäten von Protestbewegungen anerkennen
Wenn man Demokratie als eine Form des Interessensausgleichs in einer sozialen Gesellschaft begreift, und dann ausdrücklich für die Möglichkeit des Demonstrierens ist, dann gehört ein etwas reflektierterer Umgang damit dazu, sonst bräuchte man mit dieser demokratischen Variante gar nicht erst anfangen:
Die Realität ist, dass Protestbewegungen und Demonstrationen natürlich nie eine Organisationsform haben können wie die Polizei oder eine Behörde, (obwohl das Organisieren, d.h. das Zustandebringen einer Protestbewegung durch die elektronischen Medien in jüngerer Vergangenheit erheblich verbessert worden ist) und deswegen darf man sie nicht damit vergleichen und ähnlich behandeln:
Es kommen Menschen zusammen,
- die sich meist noch nie zuvor gesehen haben,
- die keinen Überblick darüber haben, was drei Meter weiter weg von ihnen gerade passiert,
- die nur wenige gemeinsame Strategien vorweg absprechen und sich kaum über Funk verständigen können (noch schwerer, wenn die Polizei den Handy- Kontakt stört),
- die vor Ort nur ganz wenig Einfluss und Kontrolle über die Koordinierung bestimmter Handlungsabläufe haben können,
- die keine Befugnisse haben, sich gegenseitig Anweisungen geben zu dürfen, (der andere muss nicht tun, was man ihm sagt).
Das sind gravierende Schwächen und Nachteile einer unorganisierten Bewegung und die sind ihr inhärent und das weiß jeder. Und man darf sie nicht noch ausnutzen und ihr vorwerfen, sonst spielt man eine Realitätsblindheit aus.
Eine Protestbewegung trifft vor Ort auf eine Polizei, die hoch trainiert ist, straff hierarchisch organisiert und kommunikativ intensiv vernetzt über Sprechfunk. Wenn hier in einem solchen Organisationsgebilde an irgendeiner Stelle etwas Unkontrolliertes passiert, kann man zu recht einzelne Beamten und Führungskräfte zur Rechenschafft ziehen.

8. Zum pfleglichen ‚nichtbewertenden’ Umgang mit Unkontrollierbarem
Eine Protestbewegung darf man eigentlich nicht nach den gleichen rechtlichen Maßstäben behandeln. Die Realität ist aber eine andere.
Jeder der an Protestbewegungen teilnimmt, ist sich der ungleichen Machtverhältnisse und dem Einsatz ungleicher Machtmittel bewusst:
- Man weiß, dass die Gegenseite mit Argusaugen darauf schaut, ob irgendwelche Anzeichen zu erkennen sind, was als ‚Gewalt’ oder als ‚Gewaltbereitschaft’ ausgelegt werden könnte, um den ganzen Protest zu difamieren und abzuwerten.
- Man weiß, dass man als jemand, der gegen etwas ist, von bestimmten Gruppen sofort als Feind gesehen wird, die sich bedroht fühlen durch Kritiker.
- Man weiß, dass man dem ganzen Unternehmen ‚Protest’ immer einen deutlichen Ausdruck von Friedlichkeit und Gewaltfreiheit geben muss und alle Mitdemonstranten permanent zur Friedlichkeit ermuntern muss, damit nur ja nichts aus dem Ruder läuft und entsprechend interpretiert wird.
- Man weiß, dass man permanent auf der Hut sein muss vor Provokateuren, die auch von der Polizei einschleust werden und dass man nie sicher sein kann, ob das Gewaltfreie gelingt.
- Man weiß, dass Demonstrationen immer ein Test für die Demokratie sind und dass sich gerade diejenigen mit solchen demokratischen Veranstaltungen schwer tun, die sich sehr ungern in ihren Plänen stören lassen.
Der gemeinsame Boden für ein soziales Gemeinschaftsgefüge ist mehr als gefährdet, wenn die Polizei Schwachstellen einer Bewegung ausnutzt und Provokateure in die anonyme Menge einschleust, wenn dann provoziertes unkontrolliertes Verhalten juristisch und medienwirksam verfolgt wird.
Es ist juristisch festgelegt, was bei Demonstrationen tolerierbar ist und was nicht und was somit nicht strafbar sein darf, weil sonst Protestveranstaltungen witzlos sind. Es fehlt nur offensichtlich an moderneren Beurteilungsmaßstäben dafür, wie mit einem Verhalten umgegangen werden kann, wenn es unbeabsichtigt und unkontrolliert und vielleich noch provoziert bei Demonstrationen passiert.
Es darf nicht mehr von der politischen Seite schamlos ausgenutzt werden können. Man muss sogar sagen, dass bei Entgleisungen mit zweierlei Maß gemessen werden müsste: Bei der straff geführten Polizei anders als bei unorganisierten Demonstranten.
Es muss eigentlich von vorherein klar sein und unstrittig, dass man eine unorganisierte Protestbewegung, die auch noch als öffentliche Veranstaltung ohne Eintrittskarte funktioniert und soziologisch kaum zu definieren ist, nicht mit einer straff hierarchischen Organisation vergleichen darf. Auch das Entstehen von Teams, Arbeitsgruppen und spontanen Aktionsbündnissen darf nicht zum Anlass genommen werden, hier zu meinen, man könne (juristische) Verantwortungen wie in einer Organisation ausmachen oder einzelne ‚Ausschreitungen’ oder Übertretungen der ganzen Bewegung anlasten. Hier kommt man wahrscheinlich nicht mit juristischen Mitteln weiter.
Zu einer neuen Protestkultur, wie sie in Stuttgart entstanden ist, gehört, dass die Medien, die Juristen und Politiker dringend dazulernen müssen: Wie muss man anders mit Unkontrollierbarem umgehen, wenn man Proteste als demokratische Veranstaltung ernst nimmt.

6. Was wäre eigentlich normal gewesen? Das gefährliche Spiel mit der ‚Wahrheit’ 

Dr.Robert Schmittmann   (Nov. 2011)

Man kann eigentlich von psychologischer Seite aus relativ eindeutig sagen, wie man kommunizieren muss, damit das Leben miteinander friedlich und konstruktiv gestaltet werden kann. Deswegen kann man auch durchaus abschätzen, was passiert, wenn man sich nicht an das Normale hält.
Es gibt jedoch langgestreckte Situationsentwicklungen, in denen der Mensch mit dem Normalen Schwierigkeiten bekommt: Sie schlucken viel Energie wegen aufwendiger Anpassungsleistungen und der Mensch merkt nicht, dass er sich an ziemlich absurde und verdrehte Verhältnisse gewöhnt: Es bleibt ihm erst einmal nichts anderes übrig, dann findet er sich mit ihnen ab und merkt verdrehte Verhältnisse dann nicht mehr so leicht.
Das ist auch ein großes Hemmnis für alle Demokratieentwicklungen.

Wie zu Kaiserzeiten
Es ist heute noch wie zu Kaiser- und Königszeiten: Die demonstrierenden Bürger (heute zwar verfassungsmäßig legitimiert) auf der Straße werden von den regierenden Volksvertretern nur als Störenfriede, als Menschen zweiter Klasse behandelt: Ihnen muss man eigentlich nicht zuhören, man lässt sie draußen stehen und stattdessen sorgt man nur dafür, dass die folgsamen und braven Bevölkerungsgruppen, die sich mit der Obrigkeit identifizieren) gegen diese Störenfriede aufgebracht werden, nach dem Motto: ‚Ohne sie wäre ja alles so schön gemütlich mit uns’. Dieses Aufhetzen regimetreuer Bevölkerungsgruppen auf demonstrierende Kritiker funktioniert zur Zeit auch in den arabischen Ländern sehr gut. Es wurde auch bei der Volksabstimmung wieder zum Funktionieren gebracht und getestet. Das Ergebnis: Es funktioniert noch wie zu Kaiserzeiten: Mit Hilfe der obrigkeitshörigen Medien schafft man es, die regimetreuen Bürger gegen die kritischen Bürger auszuspielen. Dann muss man die dreckige Arbeit nicht selber machen.
In Stuttgart hatte sich eigentlich die Chance für neue Umgewöhnungsprozesse aufgetan, damit der alte Untertanenstaat endlich hätte weiterentwickelt werden können. - Es spricht einiges dafür, dass sie genauso wie 68 gerade verspielt wird.
Aus dieser Warte heraus betrachtet sollten einem bestimmte Punkte beim Ablauf der Geschehnisse um das Projekt S 21 auffallen, die erschreckend viel mit dem reibungslosen und diktatorischen Funktionieren großer Organisationen zu tun haben, an die sich das Volk langsam wieder zurück- gewöhnen soll. Es ist eigentlich nicht schwer, einige Abartigkeiten zu erkennen, wenn man nur häufig genug die Frage stellt: ‚Was wäre eigentlich normal gewesen?’

Kommunikation zwischen normalen Erwachsenen
1. Normal wäre z.B. Folgendes gewesen: Wenn schon über so lange Zeit soviele Bürger sich für etwas mit hohem Einsatz einsetzen, dann müsste irgendeinem Politiker mal einfallen, da müssten wir mal nachfragen, was denen eigentlich so wichtig ist, vielleicht haben wir irgendetwas noch nicht richtig verstanden.
- Einen solchen Einsatz der Bevölkerung stattdessen lange Zeit zu ignoriernen und abzuwerten, sich nur von den eigenen Bürgern angegriffen zu fühlen, ist nicht normal (also pathologisch; man kann aber therapeutisch dran arbeiten) und erzeugt in jedem menschlichen Gemeinschaftsgefüge (ob Familie, Partnerschaft, Firma) emotionalen ‚Sprengstoff’. (Wenn man das bewusst tut, ist das m.E. kriminell).
2. Normal wäre Folgendes gewesen: Dass die Politik als zahlender Auftraggeber nach der Schlichtung - die ja offiziell als Offenlegung und Überprüfung der Fakten gedacht war - die kritischen Ergebnisse dieses Fakten- Checks dankend entgegengenommen und sich intensiv mit den aufgedeckten Mängeln weiter beschäftigt hätte. Wären nur halb soviele Schwachpunkte aufgedeckt worden, wie damals bei der Schlichtung, hätte ein normaler und ernsthafter Kunde, der soviel Geld letztlich zahlen soll, zu sich gesagt, das nehme ich nicht (H.Geißler: ‚Dann dürfen wir das nicht bauen’), das bringt mir zu wenig’ und er hätte sich wenigstens die Mühe gemacht, das ganze fehlerhaft erscheinende Produkt von einem weiteren unabhängigen Gutachter noch einmal prüfen zu lassen, ob die Kritik auch wirklich stimmt, bevor er zahlt. - Das wäre normal gewesen. -
3. Dankbarkeit gegenüber den kritischen Bürgern wäre eine normale Reaktion gewesen, denn man wurde auf mögliche Mängel und Unzulänglichkeiten des Projekts hingewiesen von Leuten, die man noch nicht einmal dafür bezahlen musste; man wurde obendrein als Politiker automatisch noch einmal dazu gebracht, das ganze Projekt selber durchzudenken und konnte Gefahren und Risiken jetzt endlich selber genauer einschätzen. Während damals bei der anfänglichen parlamentarischen Abstimmung über das Projekt die Abgeordneten ja mit geschönten Daten abgespeist wurden, um ohne große Prüfung möglichst schnell abzustimmen (übliche Praxis). Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Abgeordneten sollen nicht mitdenken und nur als Stimmvieh funktionieren.
4. Normal wäre gewesen, sich darüber zu freuen und sich bei den mitdenkenden Bürgern zu bedanken, Honorare für die wertvolle Arbeit zu bezahlen, weil man gerade noch rechtszeitig soviel Schaden hat abwenden können. Der Bürger hat sich nämlich als eigentlicher zahlender Auftraggeber von solchen Projekten in seiner Stadt zu Wort gemeldet und will mitdenken und prüfen, damit das auszugebende Geld, was ihm gehört, auch wirklich dem Nutzen aller dient.
5. Normal wäre gewesen, dass die Politik nach der Neuwahl sich zusammen mit der Bevölkerung als zahlender und somit bestimmender Auftraggeber für das Projekt etabliert hätte, um zumindest vor der Stresstestdurchführung ihrem Produktlieferanten, die Bahn, klare Vorgaben zu machen und klare Bedingungen für die Prüfung und Optimierung zu stellen. So unkritisch und blauäugig naiv sich als Kunde jeden ‚Scheiß’ andrehen zu lassen, würde jedem normalen Menschem zahllose schlaflose Nächte bescheren. Deswegen kann der weiterhin kritisch denkende Bürger erst recht nicht nach der sogenannten Volksabstimmung schlafen: Er weiß, dass einer großen Bevölkerung ein großer ‚Scheiß’ in einer schönen Dose verkauft wurde.
6. Normal und menschlich wäre auch folgendes gewesen: Wenn schon von allen Parteien diese unsägliche Volksabstimmung als Fortschritt der Demokratie gefeiert wurde, wenn auch noch so klar und offensichtlich ist, dass man diesen Fortschritt einer kritischen Bewegung zu verdanken hat, dann dürfte die Politik nicht zulassen, dass erst einmal alle kritischen Sachargumente dieser mitdenkenden Bürger von einer riesigen Werbemaschinerie eines Konzerns und der Wirtschaft niedergewaltzt werden und zweitens nach dem zweifelhaften Sieg gerade diese engagierten Bürger noch massiv als Verlierer bespöttelt, belächelt, ausgebuht und angepöbelt werden. Wie kann man es nur zulassen, dass das eigentlich demokratische Instrument Volksabstimmung nur als rechtlicher Hebel gegen eine offenkundige Realitätswahrnehmung benutzt wird. (s. mein Artikel über die Etikettenschwindler).
Das alles ist nicht normal, nicht zivilisiert und nicht gesund in einem sozialen Gemeinschaftsgefüge.
Die Leute, die hier mitgemacht haben, ticken irgendwie nicht normal (oder noch wie im Kindergarten) und es muss dringend als pathologisch geächtet werden, wenn ein Konzern, wenn die Wirtschaft so mit ihren selbständig denkenden Menschen umgeht und wenn sie den politischen Rahmen, innerhalb dessen das jeweils stattfindet, noch Demokratie nennen wollen. Demokratie lässt sich nicht als reine formal-rechtliche Konstruktion durchführen.
Man wird den Eindruck nicht los, dass es hier nur um einen glorreichen Sieg über mitdenkende Bürger geht, um einen Sieg über kritisches Denken überhaupt. Wenn gerade über die besten kritischen Sachkenner des Projekts (z.B. Boris Palmer) hämisch triumphiert wird, zeigt das, wie schlimm es in unserer Gesellschaft eigentlich bestellt ist: - Einem Konzern geht es letztlich darum, ob die ‚Macht’, zusammen mit dem ‚Geld’ und dem ‚Recht’ über die ‚Wahrheit’ triumphiert (‚Wahrheit’ nicht als moralische Kategorie, sondern als Kommunikationscode. s. N. Luhmann: Es geht um den Code ‚wahr- unwahr’ und ist zentraler Code in den Wissenschaften; z.B. geht es im Kommunikationssystem ‚Recht’ um den Code ‚recht- unrecht’).

Der Code ‚Wahrheit’ pfeift, wenn er überhaupt noch pfeift, auf dem allerletzten Loch
Der jüngst im Februar eskalierende Kampf rundum die Plagiatsvorwürfe eines von und zu Guttenberg konnte von der Wissenschaft noch knapp zu ihrem Gunsten entschieden werden. Der Code ‚Wahrheit’ war kurz davor, auf der Strecke zu bleiben. Wir haben es schon beschrieben, dass in der Zeit um Fukuchima einige Etikettenschwindel (Realitätsverdrehungen nach belieben) aufgeflogen sind, also die Einschüchterung der ‚Wahrheit’ nicht so gut klappte.
Man musste aber mit der Mobilmachung der Codes Macht, Geld (Haben- Nichthaben) und ‚Recht’ rechnen: Im Ablauf um S 21 hat die Bahn als Konzern alle Register gezogen, um über die ‚Wahrheit’ triumphieren zu können. Die erschlichene ‚Rechtmäßigkeit’ der Verträge bleibt von der herausgefundenen ‚Wahrheit’ unangetastet und die ‚Wahrheit’ ist nicht in der Lage das fragwürdige ‚Recht’ zu kippen, sie wird ihrerseits sogar ignoriert, spielt überhaupt keine Rolle mehr, es ist so, als wenn es sie nicht mehr gäbe. Eigentlich sollte das ‚Recht’ die ‚Wahrheit’ schützen. Jetzt steht nur noch die ‚Rechtmäßigkeit’ allein im Raum. - Alle sachlich kritischen Argumente wurden mit Hilfe gut instrumentalisierter Medien zum Verschwinden gebracht.
Die Volksabstimmung war ein zutiefst trauriger Tag (er müsste zum Volkstrauertag ausgerufen werden) als Endpunkt einer letztlich von langer Hand geplanten Strategie, ‚Macht, Geld und Recht’ so massiv in Anwendung zu bringen, damit man endlich den Untergang der ‚Wahrheit’, der freien Wissenschaft und des mitdenkenden Bürgers feiern kann.
Man sollte aber auch langsam erkennen, dass der kommunikative Code ‚Wahrheit’ letztlich ein sehr hinderlicher Code für die ungehinderte Entfaltung großer Konzerne ist, der ja nun jetzt für ein ganzes Land entsorgt ist und jeder kann beliebig auf der Meinungsebene mitreden und seine Stimme abgeben (s. mein Artikel über Meinungen).
D.h. Großprojekte können wieder, egal welchen realen Schaden sie anrichten, realisiert werden, wenn sie nur auf einer rein formaljuristischen Ebene rechtmäßig sind. ‚Recht, Geld, und Macht’ haben über die ‚Wahrheit’ gesiegt; dass das Volk nichts merkt, war schon der erfolgreiche Test.


7. Konzerne sollen offenbar alles machen dürfen, was sie wollen. Sind wir in einem globalen Kinderzimmer gelandet?


Dr. Robert Schmittmann   (Dezember 2011 )

Der Wirtschaft, einem Konzern und der dazu hörigen Politik und Medien geht es hier bei S21 offensichtlich nur darum, zu demonstrieren, dass die Lehre des Neoliberalismus weiter Gültigkeit hat und weiterhin ungehindert als Welt-Idee zu realisieren ist und das heißt letztlich:
- Konzerne (und die Geldmacht) müssen weiterhin machen dürfen, was sie wollen.

1. Das kommt einem irgendwie bekannt vor
Dass diese Denke eigentlich nur den Kinderzimmern des 20. Jahrhunderts entsprungen sein kann, fällt offenbar kaum auf. Der normale erwachsene Mensch (schon in der Savanne) weiß eigentlich schon immer, dass das auf unserer Erde regional und überregional tödlich sein kann.
Das nennen sie ihre rechtmäßige Freiheit und begründen es mit etlichen Märchen über die angebliche Intelligenz der freien Märkte. Man schämt sich nicht, das weiterhin überall trotz Finanzkrise zu verbreiten, obwohl es eigentlich in letzter Zeit genug aufklärende Filme und Berichte über die Scheinheiligkeit, Skrupellosigkeit und Schadensbilanzen von Konzernen (d.h. auch größeren Wirtschaftsunternehmen, Beratungsfirmen, Rating-Agenturen u.ä.) gibt. Das zeigt, wie völlig losgelöst und unangefochten diese Gebilde länderübergreifend weltweit zum Nutzen weniger Aktionäre und zum Schaden großer Bevölkerungsgruppen und der Natur agieren können. Die Schadensliste kann man den Konzernen sogar immer wieder in der Öffentlichkeit vor die Nase halten; es scheint so, als wenn sie dafür keine Denkkategorie (Abteilung) zur Verfügung hätten. Ihre politische Umgebung nimmt das offenbar wahr, zeigt jedoch keine Reaktion, ähnlich wie bei Müttern, die ihren angehimmelten, jedoch entgleisten und schadenserzeugenden Sprösslingen wie hypnotisiert, hilflos und ungerührt zuschauen. Dabei bleibt es auch, weil sie ihre Kritiker ganz schnell in endlose Diskussionen über angeblich ganz schwierige notwendige differenziertere Sichtweisen der Zusammenhänge verwickeln, bei denen letztlich kein Kritiker angeblich mitreden kann, weil die Materie ja so komplex ist. Damit soll jeder Kritiker ruhiggestellt werden.

2. Darf und kann man sich großen Organisationsgebilden in den Weg stellen?
Wenn man aber genau hinschaut, sein Überblicksdenken und sein Gedächtnis einschaltet, könnte man eigentlich folgendes erkennen:
- Es gibt kaum einen größeren Konzern, dem man nicht nachweisen könnte, dass er einen großen Schweif von Schäden oder sogar Katastrophen hinter sich herzieht.
- Es gibt kaum einen größeren Konzern, der sich nicht um das dann eigentlich notwendige Schadensmanagement drückt und der von sich aus, also ohne Anstoß und Druck von außen, auch nur eine Spur von Kontext- und Umweltbewusstsein zeigt.
- Es gibt kaum einen größeren Konzern, der dann nicht weiterhin hauptsächlich die Gewinnerwartungen seiner Aktionäre bedient und in die mediale Imagepflege Unsummen investiert, so dass für Schadensersatzzahlen der Betroffenen nichts mehr übrig ist. (Die Öl-Konzerne und die Chemieindustrie haben besonders große Erfahrung darin).
- Es gibt kaum einen Konzern, der es nicht schafft, über teure Werbemaßnahmen und vielfältige finanzielle Abhängigkeitsstrukturen einen Teil der Bevölkerung auch noch nach bereits angerichtetem Schaden für sich zu gewinnen und dieser Bevölkerung das Mitschwimmen im Fahrwasser der Macht schmackhaft zu machen.
- Es gibt kaum eine größere Organisation, die es nicht schafft, durch den Anreiz von üppigen Gratifikationen und statuserhöhenden Verführungen ihre Mitarbeiter zu jedwedem, auch unmoralischem Handeln zu bewegen.
Diese Organisationsgebilde haben etwas erschreckend Abgeschlossenes und Eigenständiges und in Bezug auf ihre Kommunikation etwas Sich-Selbst-Regulierendes und Sich-Selbst-Erzeugendes:
Sie bilden auf einen knappen Nenner gebracht für alle, die in ihr arbeiten, eine abhängigmachende Rundum- Versorgungsblase (denn sie können jederzeit rausfliegen), mit einem verengten und verzerrten Ausblick nach draußen und mit einem erheblichen Distanzierungseffekt zur restlichen sozialen Umgebung und natürlichen Umwelt. Der einzelne Mensch darin verliert auf Grund des ‚gepamperten’ Wichtig-Sein-Gefühls regelmäßig das Bewusstsein dafür.
Man merkt immer wieder: Irgendetwas stimmt eigentlich grundsätzlich nicht mit den Strukturen von Konzernen und ihrem Eingelagert-Sein in die gesellschaftliche Umgebung. Man fühlt sich an noch nicht sozialisierte Jugendliche erinnert: Sie bewegen sich mit einer unbegreiflichen Arroganz z.T. wie verirrte, fremdgesteuerte Fremdkörper in ihrer Umgebung, mit dem massiven Anspruch, alles machen zu dürfen und sich um die Folgen nicht kümmern zu müssen.
Eigentlich müsste jedem hier etwas dämmern: Ein Konzern wie die Bahn hat völlig freie Hand, aus singulären Interessen eine ganze Landesbevölkerung wie in Baden Württemberg mit Lügen, Verschleierungen, Verdrehungen der ‚Wahrheit’ über den Tisch zu ziehen, und bekommt dafür noch offene Rückendeckung von der übrigen Wirtschaft. Es gibt keine Instanz mehr, die sie kritisiert und in die Schranken weist.

3. Die Kinderzimmer- Tyrannen sind im großen Stil unter uns
Auf Staaten- und Länderebene sollten Demokratien eigentlich der Garant zur Vermeidung von schlimmsten Diktaturen sein. Dann fragt sich aber, wieso wir in unseren sogenannten Demokratien weiter wuchernde Gebilde wie kleine Königtümer haben, die extrem nach dem alten, als Fluch der Menschheit zu bezeichnenden Muster funktionieren: ‚Ich, ich, ich und der Rest ist mir egal’.
In der Erziehungsberatung empfiehlt man eventuell den Eltern von Sprösslingen, die so ticken, alle Maßnahmen der Schadensregulierung und Schadensbegrenzung auf einen Schlag mal einzustellen, damit der Schaden zu Lernzwecken ungebremst und mit voller Wucht auf den Schadensverursacher, ihren Sprössling, zurückfällt.
Würde man alle weltweiten Hilfsorganisationen, alle Umweltorganisationen, alle Friedensaktivisten, Klimaschützer und Naturschützer, alle Protest- und Widerstandsbewegungen und alle sozialen Projekte, Sozialstationen und Tafeln mit ihren sozial engagierten Menschen dazu veranlassen, ihre ausgleichenden und abpuffernden und gegenregulierenden Tätigkeiten sofort einzustellen, wie schnell würden uns dann die Katastrophen ins Haus stehen? Die Erde wäre in wenigen Jahren verwüstet und unbewohnbar, ein großer Teil der Bevölkerungen würde sofort verhungern oder sogar von manchen Regimen ungehindert beseitigt werden.
Warum machen sich so viele erwachsene, sozial denkende, umweltbewusste kritische Menschen so viele Gedanken und engagieren sich? – Das hat einen eigennützigen Grund: Je existentieller verknüpft man mit einem notorischen Schadenserzeuger in einem Boot sitzt, um so schwieriger ist es, zu sagen: Lass den mal machen, dann wird er schon sehen, was die Folgen sind. Man geht mit ihm zusammen unter, wenn man nicht wirklich aussteigen kann. Nur für den Schadenserzeuger gibt es um so weniger Grund aufzuhören. - Auch in Stuttgart ist dann zuviel kaputt und unnütz an falscher Stelle Geld ausgegeben, als dass man nicht früher oder später von den Folgen irgendwie betroffen wäre. Die Bahn verhält sich übrigens auch in Bezug auf Geld wie ein unsozialisierter Jugendlicher: Man will etwas neues, man verlangt das Geld dafür, macht sich keine Gedanken darüber, wo der Mehrbedarf an Geld herkommt, und ergeht sich hauptsächlich in Versprechungen und gelobt Besserung, dass es nie wieder Kostensteigerungen gäbe. Das Muster kennt man auch von Drogen- und Alkoholabhängigen.

4. Das Kinderzimmer-Tyrannen Muster geht aber weiter: Wehe, man versucht sie aufzuhalten
Wer dieses Muster von Kindern und Jugendlichen näher kennt, weiß auch, dass es noch eine Stufe weitergehen kann, nämlich dann, wenn man sich diesen Kinderzimmer-Tyrannen halbherzig in den Weg stellt und sie noch freundlich und höflich aufhalten will.
Die Schadenserzeuger drehen den Spieß nämlich herum, schwingen sich zum völlig abwegigen formaljuristischen ‚Moral-Apostel’ auf und drohen demjenigen, der sie aufhalten will. Ihnen kommt nicht die Idee, dem anderen mal zuzuhören, warum er sie aufhalten will; die Bereitschaft, über das asoziale Verhalten nachzudenken, ist gleich Null. - Sie fühlen sich nur zu unrecht negativ bewertet und werten nun ihrerseits den elterlichen Kritiker massiv ab.
Bei diesem personbezogenen Bewertungsgerangel, wer ist ‚richtig, besser, gut, modern und fortschrittlich’ geht es vor allem darum, über dem anderen zu stehen, sich über den anderen zu erheben und die Bewertungsvormacht inne zu haben. Nur darum geht es für sie. - Es geht nicht mehr um die eigentliche Sache und nicht mehr um ein reflektiertes, kontext- und zukunftbezogenes Durchdenken komplexer Zusammenhangstrukturen. Versuche, darüber zu reden, sind nutzlos. Deswegen war die sachlich kritische Argumentationsebene in Schlichtung und Stresstest zu S 21 für die Bahn Manager und die politische Macht damals völlig egal. Sie musste nur in der Pose der Überlegenen daraus hervorgehen.)

5. Wenn die Kinderzimmer-Tyrannen alles auf den Kopf stellen: oder verkehrte Verhältnisse
Die gleiche Verdrehung bis zur Unkenntlichmachung der eigentlichen ‚oben- unten’ Verhältnisse findet sich im öffentlichen Raum mit den Konzernen:
Konzerne (oder größere Wirtschaftsunternehmen) und ihre flankierenden, politisch-medialen Machtgebilde sind die eigentlichen Kinderzimmer-Tyrannen (mit denen man natürlich auch keine Klima-Vereinbarung hinbekommt), die ungehindert ohne Rücksicht auf Verluste unbedingt wollen, dass sie alles machen dürfen. Das ist der Kern des Neoliberalismus, der nicht dem normalen Erwachsenen-Denken entspricht. (Deswegen titelte das Schwäbische Tagblatt nach der Volksabstimmung völlig undifferenziert: Freie Bahn für S 21; kein Wort mehr davon, dass nach wie vor mehr als 40 % der Bevölkerung den Bau für überflüssig und schädlich ansieht.
Demgegenüber befinden sich alle kritischen und widerstandleistenden denkenden Bürger in der sehr schwierigen und undankbaren Rolle der weitblickenden Eltern, die ihre entarteten Sprösslinge wieder in ihre Schranken weisen wollen. Sie wollen, dass Konzerne und Konsorten zur Besinnung kommen.
Wie reagieren nun Macht und Konzerne auf die, die ihr/ihnen im Wege stehen und ihre unguten Machenschaften aufdecken?: Sie drehen das Oben und Unten herum und erdreisten sich, ihre Kritiker wie rebellische kleine Kinder von oben herab zu behandeln. Sie setzen alles daran, ihre einzige und eigentlich dringend notwendige ‚elterliche Kompetenz und Aufsicht’ (die intelligenten Bürger) zu degradieren und los zu werden. Das geht natürlich leichter, wenn die Kinderzimmer-Tyrannen schon oben an die Schalthebel der Macht gelangt sind und die eigentlich reflektierten Erwachsenen, die Eltern (das Volk als Souverän?) auf der Strasse stehen.

6. Soziales Verhalten vs. ‚Ich habe das Recht’: - Ein Experiment
Wir wollen das Gesagte an einem kleinen Beispiel aus dem Alltag verdeutlichen und als eine Übung im Eltern-Dasein empfehlen, nach dem Motto: Jetzt bringe ich dich dazu, dich einmal wie ein soziales Wesen zu verhalten:
Es geht um den täglichen Autoverkehr und um das ganz normale Einfädeln von zwei Spuren auf eine Spur an einer Engstelle. Jetzt kann man zwei Gruppen von Autofahrern beobachten: Die Mehrzahl versucht sich angesichts einer Schlange frühzeitig einzuordnen. Sozial und weitdenkend hat man dann freie Kapazitäten für anderes gewonnen.
Eine Minderheit denkt aber nach dem viel aufwendigeren Ich-Ich-Prinzip: Sie sehen eine Schlange von sich einfädelnden Autos und eine freie linke Fahrbahn. Sie gehen jetzt davon aus, dass die freie Strecke nur für sie da ist und nach ihrem Belieben benutzt werden kann. Dass das eine soziale Situation ist, in der man jedem anderen das Gleiche gönnt, wie sich selbst, und mit geringstem Aufwand zum Nutzen aller eine Aufgabe löst, kommt in diesem Denken nicht vor. Es geht nur bewertend darum: Ich werde behindert, die anderen sind ja schön blöd, ich habe Anspruch auf meinen Vorteil und ich darf machen, was ich will.
Um nicht zwangsläufig in folgendes Dilemma zu geraten, kann man hier ein kleines Experiment veranstalten: - Entweder befindet man sich als sozial denkender Mensch schön brav eingeordnet in der Schlange und schaut Zähne knirschend zu, wie unverschämte Mitbürger schnurstracks ihren Vorteil zum Nachteil der sozial Denkenden realisieren. Man denkt: Man ist immer der benachteiligte Arsch, wenn man sich hier sozial einordnet.
Oder man fährt jetzt auch auf der linken freien Spur und befindet sich von hinten bedrängt unversehens in der zuvor verurteilten vorteilssuchenden Rolle. Als sozial denkender Mensch fühlt man sich sofort schlecht dabei. - Was machen?
Man sollte in einem Dilemma immer nach einer dritten Möglichkeit Ausschau halten und da bietet sich eine Variante an: Man fährt nach links raus und bewegt sich mit der gleichen Geschwindigkeit wie die Schlange bis zur Stelle des Einfädelns. Man verhält sich für die anderen sichtbar sozial. Die meisten kapieren sofort, was ich mache, erkennen den sozialen Einsatz und unterstützen ihn.
Allerdings bekommen die Vorteilssuchenden von hinten kommend ein massives Problem. Ein Teil bemerkt die brisante soziale Situation, traut sich nicht mehr angesichts der sozialen Kontrolle und bleibt brav hinter mir.
Ein anderer Teil meist mit größeren Gefährten flippt aber jetzt aus und beginnt ungeniert einen turbulenten Kampf mit Lichthupe, exzessivem Drängeln und aggressiven Versuchen, rechts oder links vorbei zu kommen. Das Ganze ist leichter durchzuführen, wenn der Nachbar zur Rechten kapiert, was läuft, und keinen Spalt zum Entkommen frei lässt. Es wird ein soziales Verhalten erzwungen. Man tut ja nichts schlechtes. Krankenwagen werden durchgelassen.
Was passiert hier? : Für einen ‚notorischen Vorteilssuchenden’ geht es in einer solchen Situation nur um die Behinderung in seinem Recht auf Vorteil. Das ist sein Lebensinhalt. In seinem emotionalen Aufruhr ist er völlig blind dafür, dass es eigentlich um etwas anderes geht: Nämlich darum, wie sich ein sozialer Verband angesichts eines Engpasses zum Nutzen Aller gut und reibungslos organisiert.
Für ein solch ‚wissenschaftliches Experiment’ braucht man natürlich ein gutes Standvermögen, einen mit denkenden Beifahrer und ein dickes Fell gegen die massiven Abwertungen: So als wenn man etwas zutiefst Verwerfliches tun würde, wenn man sich für sozial gerechte und ausgeglichene sachangemessene Verhältnisse einsetzt. Es ist interessant, welche Reaktionen so ein Experiment zu Tage fördert; man muss einiges an Einschüchterungsversuchen aushalten. - Demonstranten gegen S 21 kennen das.
Wenn man ein größeres oder mittleres Auto fährt, sollte man es auf jeden Fall ausprobieren. Man wird mit der Zeit geübter und bekommt ein dickeres Fell, sich von den Kinderzimmer-Tyrannen nicht beeindrucken zu lassen.

7. Wer soll bestimmen, worum es im Leben eigentlich geht?
Die psychotherapeutische oder pädagogische Ausbeute für die andere Seite ist natürlich bei diesem Experiment gleich Null. Man selber ist aber wenigstens nicht mehr in dem vorherigen Dilemma gefangen, fühlt sich nicht mehr so verarscht, also besser. – Aber, kann man überhaupt gegen die überfütterten und rücksichtslosen Kinderzimmer-Tyrannen etwas erreichen?? – Schwierig. Aber man sollte sie besser und schneller erkennen und diagnostizieren. Denn es gibt immer mehr Menschen, die in Konzernen oder in der Nähe solcher Konzerne arbeiten und von ihnen abhängig sind. Immer mehr Lebensbereiche und Entwicklungen hängen von den Aktivitäten dieser übergroßen Gebilde ab. Hat man überhaupt eine Chance, wenn man diese Gebilde an Hand eines einzigen Projektes versucht, zur Besinnung zu bringen, oder müsste man mehr bundesweit alle Schandtaten der Bahn mit Hilfe regionaler Bürgerbewegungen bündeln? (wie z.B. die im Rheintal gegen den Lärmterror der Bahn u.a.).
Wichtig ist auf jeden Fall - und das ist die Absicht dieses Artikels - man muss sich trauen, mit massiven Bewertungen die übergeordnete, quasi ‚elterliche’ Bewertungshoheit über die Wirtschaft und Konzerne wieder einzurichten. Man darf dabei nicht zimperlich sein, von oben herab den fabrizierten Blödsinn von Konzernen auch immer wieder als solchen zu titulieren. Man muss immer wieder laut und deutlich die Frage stellen, worum geht es eigentlich? –
Es geht nicht um freie Bahn. Es geht in unserem Leben nicht nur um ‚die Wirtschaft’, um Geldverdienen und Arbeiten. Konzernen und der ‚Wirtschaft’ darf man auf keinen Fall die Definition des Lebens und der Lebenswichtigkeiten für eine ganze Menschheit überlassen; sie sind die letzten, die das überhaupt könnten (Sie bestimmen aber das Geschwätz über das Leben in Talkshows; Sozialwissenschaftler sind fast nie dabei.) Sie maßen sich das an und hören anderen nicht zu. (Ein Teil ihrer Kollateralschäden landet dann bei uns Therapeuten und Coachs.) Geld, Macht und Wirtschaft dürfen nicht das Sagen in Bezug auf unsere Lebensgestaltung haben. (Früher wurden wenigstens mal Psychologen im Bereich der Architekturpsychologie gefragt). Die Stadtentwicklung der letzten 60 Jahre in Stuttgart ist gleichermaßen ein anschauliches Beispiel dafür, wie reine Wirtschaftsinteressen eine Stadt verschandeln können.

8. Es ist kein Kinderspiel auf dieser Erde und dennoch werden die Kinderzimmer-Tyrannen immer dreister und perfekter
Dieser Trend zum Alleingang der Wirtschaft und der Macht wird mit dem Projekt S 21 fortgesetzt, obwohl so viel mehr Menschen jetzt wissen, dass man diesen überflüssigen ‚Blödsinn’ nicht zulassen darf. Einzelinteressen - formaljuristisch festgeklopft - dürfen sich wieder einmal nach Belieben austoben. Es ist ein Trauerspiel, sich von wenigen Kinderzimmer-Tyrannen hilflos dominieren und regieren lassen zu müssen.
Mit allem, was bisher um S 21 gelaufen ist, hat die Bahn als Konzern deutlich gezeigt, welche hinterlistigen und skrupellosen Machtmittel sie sich gegen eine einmalig kreativen und konstruktiven Widerstandsbewegung anzuwenden traut: Beherrscht man die Medienlandschaft so komplett, dass nur Werbebotschaften und keine kritischen Stimmen mehr durchkommen, perfektioniert man die Werbestrategien derart, dass man sogar Volksabstimmungen als Konzern nicht mehr fürchten muss, dann kann man sogar mit einer unliebsamen politischen Partei ‚Schlitten fahren’. Das ist eigentlich ein geheimer Krieg gegen einheimische Bevölkerungen und damit das nicht bemerkt wird, versucht man den kommunikativen Raum komplett zu beherrschen,
- sodass sich keiner mehr traut, den alles bedeckenden Schleier des Märchens von der Kostensteigerungs- Kontrolle zu lüften;
- sodass alle lokalen Zeitungen und die Landesregierung sich an keinerlei kritischen Punkte mehr erinnern (das nennt man retrograde Amnesie), weswegen die Widerstandsbewegung bekanntermaßen zwei Jahre lang um Gehör gerungen hat;
- sodass jeder, der jetzt noch etwas Kritisches zum Projekt sagt, mit Diffamierungen und massiven beruflichen Nachteilen zu rechnen hat.
Psychologisch gut beraten, wie sie wahrscheinlich sind, muss man das als einen besonders hinterhältigen Trick der Kinderzimmer-Tyrannen konstatieren, dass sie es noch besser als nach der Schlichtung und dem Stresstest jetzt geschafft haben, im Vorfeld hypnotisierende Tabus und zwingende Denklinien in die öffentliche Kommunikation unbemerkt einzuflechten; und oh Wunder, die kollektive Hypnose funktioniert.
Denn alle kritischen Fakten zu Schäden, Mängel, Überflüssigkeiten des Projekts S 21 sind wieder wie zuvor für die öffentliche Diskussion unter dem Tisch. - Es gibt sie nicht mehr.
Sichtbar und spürbar auf dem Tisch wird jedoch für viele Stuttgarter die Unbewohnbarkeit ihrer Innenstadt für mehr als zwölf Jahre sein. Eine alles beherrschende Megabaustelle wird einen sehr großen Teil der kritischen Bürger permanent an das sozialschädigende Verhalten von nicht zu bändigenden Kinderzimmer-Tyrannen erinnern, denen sie jetzt ohnmächtig bei ihrem unsinnigen Treiben zuschauen müssen. Die kritischen Bürger wissen, dass ihnen das nicht nur der Konzern, die Politik, sondern auch die Dümmeren, die Uninformierten, die Verführbaren und die nicht in Stuttgart Lebenden bei der Volksabstimmung eingebrockt haben.
Die Prognose für eine solche Sozialgemeinschaft muss unter diesen Bedingungen ziemlich schlecht ausfallen: Sozialsysteme mit so schwerwiegenden Tabus, also öffentlichen Redeverboten über einmal sichtbar gewordene Schandtaten und Schurkereien Einzelner finden normalerweise nicht wieder zur Ruhe, das schwelt weiter; ein psychisch gesundes Leben kann sich erfahrungsgemäß hierin nicht wieder entwickeln. Der Konzern mit seinen Mitarbeitern ist dann schon über alle Berge.
Das Kinderzimmer- Tyrannen Muster - ‚wir dürfen machen, was wir wollen, für die Schadensbehebung sind andere zuständig’ - kennt man schon mit schlimmen Folgen von anderen Konzernen und sie tun immer noch so, als wenn das alles im globalen Kinderzimmer stattfände. - Aus einer Perspektive der individual-psychologischen Diagnostik betrachtet, ist ein solches Denken und Handeln für erwachsene Menschen nicht nur als eine ‚Anpassungsstörung’ zu werten, sondern mit den Aspekten der Realitätsferne, der Selbst- und Fremdschädigung als krankhaft zu bezeichnen und dringend behandlungsbedürftig.